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Vorwort                      Göttingen - Gießen - Innsbruck, den 13. 5. 1993 Gerhard Köbler

 

Fast auf den Tag genau vor 30 Jahren wies mich mein akademischer Lehrer in

Göttingen auf die besondere Bedeutung der altdeutschen Glossen für die

frühmittelalterliche Kulturgeschichte hin. Gern bin ich dem Hinweis gefolgt und habe

ihn vielfach bestätigt gefunden. Nur allzu gern hätte ich dabei ein brauchbares, alle

althochdeutschen Quellen zusammenfassendes Wörterbuch benutzt.

Zur Verfügung stand dabei in erster Linie der vor allem auf Editionen zwischen 1826

und 1829 beruhende Althochdeutsche Sprachschatz des Königsberger Germanisten

Eberhard Gottlieb Graff (1780-1841). Seinerzeit ein die verschiedenen althochdeutschen

Mundarten (Altbayerisch, Altalemannisch, Altfränkisch [,Altsüdrheinfränkisch,

Altrheinfränkisch, Altostfränkisch, Altmittelfränkisch,] Langobardisch usw.) erstmals

lexikographisch zusammenfassender Meilenstein der deutschen Germanistik ist dieses

Wörterbuch heute in vielen Hinsichten überholt. Nicht nur sind seit seinem Erscheinen

die schon bekannten Quellen in verbesserter Form ediert und viele neue Quellen

aufgespürt worden, sondern es ist auch deren Inhalt vielfach genauer erschlossen

worden. Hinzu kommt, daß dieses die Belege umfassend dokumentierende

Grundlagenwerk wegen seiner Ordnung nach Stammsilben trotz eines 1846 von Hans

Ferdinand Maßmann besorgten alphabetischen Indexes nicht leicht zu benützen ist.

Einen einfacheren Zugang vermittelte demgegenüber das 1882 in zweiter Auflage in

zwei Bänden vorgelegte Altdeutsche Wörterbuch des ebenfalls in Königsberg wirkenden

Germanisten Oskar Schade, welches sein 1861 erschienenes Altdeutsches Lesebuch

entlasten und ergänzen sollte. Da es aber den Versuch wagte, die verschiedenen

Lautstände etwa des Gotischen, des Althochdeutschen, des Altsächsischen und des

Mittelhochdeutschen zu einem annähernd übersichtlichen Ganzen zu gruppieren, und

dabei einen Lautstand wählte, der noch altertümlich genug sein sollte, zugleich aber

auch den späteren Formen möglichst entsprechen sollte, blieb ihm der große Erfolg

versagt. Hinzu kam, daß es unter Zeitdruck mit zahlreichen Unzuträglichkeiten

veröffentlicht worden war.

Ein kritischer Neubeginn wurde danach auf Grund des von Elias von Steinmeyer

gesammelten Materiales im Auftrag der sächsischen Akademie der Wissenschaften von

Elisabeth Karg-Gasterstädt und Theodor Frings unternommen. Seit 1952 erschien in

Berlin ihr seine (althochdeutschen) Ansätze nach dem Lautstand der altostfränkischen

Übersetzung der Evangelienharmonie des Syrers Tatian normalisierendes, die

Stichwörter grundsätzlich nach dem neuhochdeutschen Alphabet ordnendes Wörterbuch,

welches einerseits den gesamten in althochdeutschen Texten und Glossaren

überlieferten Wortschatz, nach Form und Bedeutung untersucht und in seinen Belegen

vollständig erfaßt, für die weitere Forschung bereitstellen soll und andererseits als

Index zu der fünfbändigen Ausgabe der althochdeutschen Glossen (d. h.

Einzelworterklärungen) von Steinmeyer und Sievers und zu den kleineren

althochdeutschen Sprachdenkmälern von Steinmeyer gedacht ist. Wegen dieses

ambivalenten Charakters verzeichnet es zum einen auch mittelhochdeutsche,

altsächsische und altniederfränkische Ansätze, ist aber zum anderen weder für diese

Sprachen noch für das Althochdeutsche, für welches es hinsichtlich der in den

lateinischen Quellen (Urkunden, Chroniken, Viten usw.) der althochdeutschen Zeit

vorkommenden volkssprachigen Wörter auf einen Supplementband (bzw. für die

VIII Vorwort

Eigennamen auf einen Ergänzungsband) verweist, erschöpfend. Hinzu kommt, daß es

wegen seiner Gründlichkeit auch nach vierzig Jahren erst zu weniger als der Hälfte

bearbeitet ist und zugleich wegen dieses langsamen Fortschreitens gegenüber der

parallelen Forschung in den erschienenen Teilen in Einzelheiten deutlich veraltet.

Im übrigen liegen - abgesehen von Wörterbüchern zu einzelnen Texten (z. B. Notker,

Otfrid, Tatian, Mondseer Fragmente, Isidor, Murbacher Hymnen, kleinere

althochdeutsche Sprachdenkmäler usw.) - bisher nur zwei Wörterbücher zu größeren

Teilbereichen vor. Rudolf Schützeichel, dem gegenwärtigen Meister der

althochdeutschen Sprachwissenschaft, verdankt die Forschung ein 1969 in erster, 1974 in

zweiter, 1981 in dritter und 1989 in vierter Auflage veröffentlichtes Althochdeutsches

Wörterbuch. Es beschränkt sich auf die in allmählicher Entwicklung von ihm

anerkannten geschlossenen althochdeutschen Texte. Es läßt in dieser Beschränkung die

für seine alphabetische Ordnung zugrundegelegten Normalisierungen der Ansätze nicht

eindeutig erkennen, grenzt das Althochdeutsche nicht strikt genug vom Altsächsischen

und Altniederfränkischen ab, sondert Texte und Glossen nicht völlig überzeugend

voneinander und geht auf den Einfluß der lateinischen Vorlagen auf das

Althochdeutsche im Gegensatz zu seinen drei Vorläufern überhaupt nicht ein. Das von

Taylor Starck angeregte und von John C. Wells ausgearbeitete, von 1971 bis 1990

erschienene Glossenwörterbuch beschränkt sich im Gegensatz hierzu auf die

volkssprachigen Glossen. Es normalisiert und alphabetisiert zwar sein Material, trennt

aber die erfaßten Sprachen nicht klar genug voneinander ab, gibt trotz der fast

vollständigen Abhängigkeit seiner Belege von lateinischen Vorlagen nur jeweils

höchstens drei lateinische Vorlagewörter an und ist infolge der nur allmählich erfolgten

Verbesserung seiner Anlage und durch die Vielzahl seiner Nachträge, Berichtigungen

und Ergänzungen nicht übersichtlich genug.

Aus all dem folgt, daß es nicht nur vor 30 Jahren das gesuchte, alle althochdeutschen

Quellen zusammenfassende althochdeutsche Wörterbuch noch nicht gegeben hat,

sondern daß es auch heute dieses grundlegende Forschungsinstrument noch nicht gibt.

Deswegen soll es nach langjährigen Vorarbeiten hier versucht werden. Dabei sollen

folgende Grundsätze Anwendung finden.

Allgemein geht es darum, den gesamten Wortschatz des Althochdeutschen als der

gegenüber dem Germanischen durch die sog. althochdeutsche Lautverschiebung

gekennzeichneten ältesten Sprachstufe des Hochdeutschen zu erfassen, welche vielleicht

bis ins 6. Jahrhundert, jedenfalls aber bis ins frühe 8. Jahrhundert zurückreicht und um

die Mitte des 11. Jahrhunderts in das Mittelhochdeutsche übergeht. Deswegen sind

nicht nur die etwa 290 000 Wörter der 74 bekannten althochdeutschen Texte, welche

durch rund 125 (bzw. 200) Handschriften überliefert werden und sich auf etwa 11 000

Stichwörter aufteilen, einbezogen, sondern auch die rund 210 000 volkssprachigen

Glossenbelege (Einzelworterklärungsbelege) zu meist antiken lateinischen Texten,

welche durch mehr als 1100 Handschriften tradiert sind und zu etwa 22 000

Stichwörtern gehören. Darüber hinaus sind erstmals auch die sonstigen

althochdeutschen bzw. lateinisch-althochdeutschen Einsprengsel in frühmittelalterlichen

lateinischen Texten wie Urkunden, Chroniken, Viten usw. aufgenommen, soweit sie mir

(in etwa gut 1000 Fällen) bekannt geworden sind. Und schließlich habe ich viertens

erstmals versucht, in zahlreichen Fällen zufällige Überlieferungslücken durch

systematische Verwertung des überlieferten Wortschatzes zu schließen. Nicht

mindestens teilweise althochdeutsche Wörter der einbezogenen Quellen sind bei dieser

IX Vorwort

Zusammenstellung ausgesondert, auch nur teilweise althochdeutsche Wörter aus im

übrigen nichtalthochdeutschen Denkmälern dagegen aufgenommen. Über Verweise ist

hierbei mittelbar auch der gesamte altsächsische und altniederfränkische Wortschatz

verwertet.

Geordnet ist dieser gesamte, erstmals in rund 40 000 Ansätzen bzw. Verweisen das

gesamte Althochdeutsche und zugleich auch unmittelbar nur dieses erfassende Stoff

nach dem modernen deutschen Alphabet. Im Gegensatz zu den Vorgängern habe ich

dabei unbetonte Vorsilben nicht anders behandelt als betonte Vorsilben. Homonyme

(völlig gleichlautende) Ansätze sind nach vergebenen Kennziffern (1), (2), (3) usw.

aufgereiht.

Jeder Wörterbuchartikel beginnt mit einem von den Schreibgewohnheiten bzw. dem

Lautstand der um 830 in Fulda entstandenen altostfränkischen Übersetzung der

Evangelienharmonie des Syrers Tatian ausgehenden wissenschaftlichen und insofern

künstlich vereinfachenden Normalansatz (Normalform), auch wenn dieser selbst

quellenmäßig nicht überliefert ist. Nur so kann dem interessierten modernen Benutzer

der althochdeutsche Wortschatz übersichtlich dargestellt werden. Will er sich über die

ganz unterschiedlichen Schreibgewohnheiten aller althochdeutschen Schreiborte bzw.

Schreiber genauer in Kenntnis setzen, muß er von der Ebene des Wörterbuchansatzes

auf diejenige der Texte bzw. Belegverzeichnisse fortschreiten.

Nicht gefolgt wird dabei anderen normalisierenden Wörterbüchern darin, ein unter k,

kk oder sk eingeordnetes Wort mit c, ck oder sc anzusetzen. Vielmehr wird jeder

Ansatz so gebildet, daß er sich dort findet, wo ihn der Benutzer nach dem modernen

Alphabet erwartet (z.B. wird ein unter sk eingeordnetes Wort auch mit sk angesetzt).

Statt der im Germanischen vorhandenen Buchstaben bzw. Buchstabenfolgen þ, (h)l, (h)

n, (h)r, (h)w werden - wie allgemein üblich - d, l, n, r, w gebraucht.

Lange Vokale werden dabei grundsätzlich wie kurze Vokale behandelt. Allerdings

sind die entsprechenden Wörter nicht homonym und wird deshalb das Wort mit

kurzem Vokal einem nur durch die Länge eines Vokals von ihm geschiedenen zweiten

Wort vorausgeordnet (z. B. ahtunga vor õhtunga). Kann ein Vokal kurz und lang sein,

werden für das Althochdeutsche beide Formen nebeneinander verwendet (z. B. bara,

bõra), während für die anderen Sprachen die Vokalzeichen À, Á, Â, Å, È usw. benützt

werden.

Jeder in dieser Weise vollständig normalisierte und alphabetisch eingeordnete Ansatz

ist dann durch ein Sternchen (*) am Wortanfang gekennzeichnet, wenn er nicht durch

mindestens einen (zu seinem Paradigma gehörenden) Beleg der Überlieferung gesichert,

sondern nur (auf Grund von mittelbaren Zeugnissen) erschlossen ist. Ist (nach Ausweis

der jeweiligen Editionen) ein Wort nur in einer nicht dem Ansatz entsprechenden

Form bzw. Schreibweise bezeugt, also nur grammatikalisch oder orthographisch

abgewandelt überliefert, zeigt ein Sternchen am Ende des Ansatzes diese Besonderheit

an. Maßgeblich ist dabei die buchstabengetreue Übereinstimmung, welche etwa nicht

besteht zwischen i und j, zwischen u und v oder zwischen uu und w. Die Tatsache der

Groß- oder Kleinschreibung wird hierbei nicht berücksichtigt. Gängige Geheimschriften

und Abkürzungen werden dagegen umgewandelt und aufgelöst. Übergeschriebene

Buchstaben werden beachtet.

Diesem allgemeinen Hinweis auf die Beleglage folgt in der Regel eine durch

Auszählen, bei hohen Belegmengen manchmal auch durch Schätzen ermittelte Zahl der

(mindestens teilweise) althochdeutschen Belege des Stichworts, wobei mehrere

X Vorwort

Handschriften desselben Textes grundsätzlich nur als ein einziger Beleg gewertet

werden. Allerdings war es mir dabei ebenso wie der gesamten bisherigen Forschung

nicht möglich, alle schon mittelhochdeutschen Glossenbelege von den (mindestens

teilweise) noch althochdeutschen Belegen zu trennen, so daß diese Zahlen nur einen

relativen Aussagewert besitzen. Bei Beachtung dieser Besonderheit ergeben sie aber

doch schon einen ersten Hinweis auf die Bedeutung eines Wortes im Althochdeutschen

bzw. genauer in der auf uns gekommenen Überlieferung des Althochdeutschen.

Zusätzlich zu der Hauptform des Ansatzes, welche die alphabetische Einordnung

eines Stichwortes uneingeschränkt bestimmt, sind an verschiedenen Stellen

Nebenformen beigegeben worden, welche andere Normalisierungsvorschläge einbinden

wollen und zugleich die weitere Sprachentwicklung andeuten können. Hierher gehören

etwa c, ch, ck, ph, sc und v neben k, hh, kk, pf, sk und f (z.B. akkar, ackar, druk,

druc, hafan, havan). Regelmäßig wird dabei vom Standort der Nebenform auf den

Standort der Hauptform verwiesen.

An Hauptform und eventuelle Nebenform des Ansatzes schließt sich die Angabe der

zugehörigen Sprache an. Sie lautet im Zweifel ahd. (d.h. althochdeutsch), kann aber

wegen der Besonderheiten des ebenfalls einbezogenen Langobardischen auch auf diese

(knapp 1000 Ansätze bietende) Sprache hinweisen (lang.). Bei Mischwörtern ist

dementsprechend auch die Kennzeichnung als lateinisch-althochdeutsch (lat.-ahd.) oder

lateinisch-langobardisch (lat.-lang.) möglich. In unsicheren Fällen ist sie mit einem

Fragezeichen versehen.

Dem folgt die genaue grammatikalische Bestimmung des Stichwortes. Im

Vordergrund stehen dabei die nach den allgemeinen Gepflogenheiten abgekürzt

gekennzeichneten Wortarten. Darüber hinaus ist aber hier erstmals auch der Versuch

gemacht, eine genauere Klassifikation vorzunehmen (z.B. Stämme der Substantive,

Klassen der Verben usw.). Unsicherheiten sind auch hier jeweils durch Fragezeichen

offengelegt.

An das damit abgeschlossene Lemma wird (nach einem Doppelpunkt) die Angabe

der neuhochdeutschen Bedeutungen (nhd.) angeschlossen. Sie verwertet in weitem

Umfang die vorliegende Literatur, welche für die Bedeutungsermittlung so weit wie

möglich vom jeweiligen Kontext ausgeht. Darüber hinaus versucht sie, in vorsichtiger

Weise die Zufälligkeiten auszugleichen, welche sich bei diesem bloß kontextbezogenen

Vorgehen aus dem vielfach doch recht engen Überlieferungsbefund ergeben. Zusätzlich

bemüht sie sich verschiedentlich darum, dem Leser die geschichtliche Entwicklung der

Bedeutungen dadurch nahezubringen, daß sie teils eine möglichst wörtliche Wiedergabe

in neuhochdeutschem Sprachmaterial vornimmt, wie dies die frühmittelalterlichen

Autoren bei ihrer Begegnung mit ihren lateinischen Vorlagen ebenfalls getan haben

dürften, daß sie teils aber auch die heutigen Inhalte des Wortes verzeichnet. Beides

geschieht jedoch jeweils nur innerhalb von Anführungszeichen (»....«).

Um das Werk einer internationalen Gelehrtenwelt leichter zu eröffnen, folgen den

neuhochdeutschen Bedeutungsangaben einfache neuenglische (ne.) Bedeutungsangaben.

Im Zweifel gebührt dabei wegen des zusätzlich notwendigen Übersetzungsvorganges

den neuhochdeutschen Angaben der Vorzug. Immerhin ermöglichen die neuenglischen

Angaben aber auch dem nichtdeutschsprachigen Interessenten an der deutschen

Germanistik einen ersten Einstieg in das Althochdeutsche.

An diese Bedeutungsangaben schließen sich (unter ÜG.:) alle lateinischen Teile der

lateinisch-althochdeutschen Übersetzungsgleichungen an. Sie sind keine

XI Vorwort

Bedeutungsangaben in Latein aus heutiger Sicht, sondern wollen in normalisierter Form

und alphabetisierter Reihenfolge sowie unter summarischer Angabe der zugehörigen

Quellen nur anzeigen, welches lateinische Wort einer lateinischen Vorlage (der

römisch-christlichen Antike) dem althochdeutschen Verfasser bei der (übersetzenden)

Verwendung seines jeweiligen althochdeutschen Wortes vorgelegen hat (oder mit

größter Wahrscheinlichkeit vorgelegen hat). Wegen der grundsätzlichen Herkunft der

althochdeutschen Zeugnisse aus dem lateinisch-althochdeutschen Übersetzungsvorgang

wird nämlich das Althochdeutsche erst bei Kenntnis dieser Übersetzungsbezüge wirklich

verständlich und kann seinerseits Rückwirkungen auf das Verständnis der lateinischen

Sprache im Frühmittelalter entfalten.

Die sich hieran anschließenden Verweise stellen sodann (unter Vw.:) in erster Linie

die durch die strenge Alphabetisierung notwendigerweise zerrissenen

Sachzusammenhänge in einfacher und leicht verständlicher Weise wieder her, indem sie

von allen Grundwörtern bzw. bloßen Wortelementen auf die mit ihnen gebildeten

Zusammensetzungen verweisen, wobei der bloße Gedankenstrich ausschließlich die

Normalform des jeweiligen Lemmas ersetzt, von welchem verwiesen wird. Hinzu

kommen verschiedentlich sonstige Hinweise innerhalb des Althochdeutschen. Schließlich

wird, weil das Althochdeutsche in der Überlieferung gegenüber dem Altsächsischen und

Altniederfränkischen eindeutig vorherrscht und eine Abgrenzung zwischen diesen drei

Sprachen des öfteren überhaupt nicht oder zumindest nicht eindeutig möglich ist, von

jedem (, wenn auch nur auf der Grundlage des Altsächsischen oder Altniederdeutschen

erst erschlossenen,) althochdeutschen Stichwort auf eine eventuell vorhandene

altsächsische oder altniederfränkische Überlieferung verwiesen.

Danach folgen (unter Q.:) summarische Angaben der Quellen, in denen das jeweilige

Stichwort belegt ist. Aus praktischen Gründen wird dabei den Kennzeichnungen der

Texte durch Siglen seitens Rudolf Schützeichels weitgehend gefolgt. Insbesondere mit

den zusätzlichen Siglen Gl und Urk wird sachlich aber ein erheblich weiterer Umfang

von Material einbezogen. Der jeweils ältesten Quelle ist dabei trotz aller auch damit

verbundenen Schwierigkeiten und Unsicherheiten eine Jahreszahl ihrer vermutlichen

Entstehungszeit bzw. hilfsweise der Entstehungszeit ihrer Überlieferung beigefügt,

welche erkennen läßt, wann etwa das Stichwort erstmals in der Überlieferung erscheint.

Der Abschnitt Interferenz (I.:) prüft erstmals für jedes der behandelten Stichwörter

die Frage, in welchem Maße es durch die Begegnung der althochdeutschen Welt mit

einer fremden Sprache beeinflußt worden ist. Hierbei werden Lehnwort,

Lehnübersetzung, Lehnübertragung, Lehnschöpfung und Lehnbedeutung unterschieden

und Unsicherheiten wieder durch Fragezeichen kenntlich gemacht. Insgesamt läßt sich

hieraus ohne weiteres ein erstes Gesamtbild der stürmischen Entwicklung des

Althochdeutschen in der Zeit seiner Begegnung mit dem antik-christlichen Erbe

gewinnen.

Im Anschluß hieran geht die Rubrik Etymologie (E.:) in gebotener Kürze

systematisch der Frage der etymologischen Herkunft jedes Ansatzes nach. Abgesehen

von den Fällen der Lehnwörter bedeutet dies die Suche nach Vorformen vor allem im

(allerdings seinerseits nur rekonstruierten) Germanischen. Darüber hinaus lassen sich

aber in vielen Fällen und in verschiedenen Abstufungen der Wahrscheinlichkeit auch

die aus dem Indoeuropäischen kommenden (rekonstruierten) älteren Wurzeln aufzeigen.

Dem folgt (unter W.:) ein in dieser Breite erstmals unternommener Versuch, die

weiterlebenden Teile des Althochdeutschen zusammenzustellen. Dabei wird auf das

XII Vorwort

Mittelhochdeutsche und das Neuhochdeutsche ausgegriffen. In zahlreichen Fällen

werden in diesem Zusammenhang auch die neuzeitlichen Mundarten einbezogen.

Den vorläufigen Beschluß jedes Artikel bildet (unter R.:) ein Überblick über die

wichtigsten überlieferten Redensarten. Er vermag zwar nicht, eine vollständige

Auflistung aller Kontexte und damit auch aller syntaktischen Verhältnisse, wie sie nur

einem Werk größeren Umfanges möglich ist, zu ersetzen. Er gibt aber doch einige

Hinweise auf besondere Gebrauchsmöglichkeiten des Wortes, die in den Ausgaben bzw.

Einzelwörterbüchern ohne weiteres vertieft werden können.

Faßt man all dies zusammen, so ergibt sich, daß das neue, erstmals maschinenlesbar

aufgezeichnete Wörterbuch, das seine Vorläufer weder verdrängen will noch ersetzen

kann, mit Hilfe seines neuartigen Zuschnittes in aller Kürze eine bisher noch nicht

bekannte Fülle von Informationen zur deutschen Sprachgeschichte vereinigt und für

jedermann auch ohne spezielle Vorkenntnisse leicht zugänglich macht. Wer sich

darüber hinaus für Einzelfragen interessiert, findet in einer umfangreichen

Bibliographie alle bedeutenderen Arbeiten der neueren althochdeutschen Forschung

(einschließlich der Editionen und Handschriftenverzeichnisse), welche ihm zu weiterer

Klärung verhelfen können. Zusätzliche Register werden zudem den Inhalt des Buches

von allen berücksichtigten Seiten (neuhochdeutsch, neuenglisch, lateinisch, germanisch,

indogermanisch, altsächsich, altniederfränkisch und mittelhochdeutsch) her aufschließen.

Daß mir dieses Werk möglich geworden ist, verdanke ich auch meinen hilfsbereiten

Mitarbeitern, von denen ich nur Monika Frese, Marianne Wischmeier-Bayer, Peter

Kaser, Josef Schönegger, Claudia Scheiber und Veronika Schönegger besonders

hervorheben möchte. Zu danken habe ich ebenso meinen Lehrern, Kollegen und

Freunden, welche mir Unterstützung zuteil werden haben lassen. Um Nachsicht zu

bitten habe ich schließlich alle meine möglichen Kritiker, die sich aber auch jeweils

fragen sollten, warum die sonstige Forschung ein ähnliches Werk bis zum heutigen

Tage nicht vorgelegt hat, obwohl es die deutsche Kulturnation längst benötigt und

verdient hätte.

Möge das neue Buch künftig die Bearbeitung der deutschen und damit auch

europäischen Kulturgeschichte so erleichtern, wie ich mir dies schon vor 30 Jahren

gewünscht habe.

Göttingen - Gießen - Innsbruck, den 13. 5. 1993 Gerhard Köbler

 

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Inhaltsverzeichnis XV

Siglenverzeichnis XVII

Abkürzungsverzeichnis XXI

Literaturhinweise XXV

Kurze Einführung in die

althochdeutsche Sprachwissenschaft LXIX

XIV Vorwort

 

Siglenverzeichnis

AB = Altbayerische Beichte (Anf. 9. Jh., abay. [,afrk.])

AG = Augsburger Gebet (Ende 9. Jh.?, arhfrk.)

APs = Altalemannische Psalmenübersetzung (1. Hälfte 9. Jh., Reichenau?, aal.)

B = Benediktinerregel, althochdeutsche (800, St. Gallen?, aal.)

BB = Bruchstücke einer Beichte, Vorauer Beichte (Ende 9. Jh., abay.)

BG = Altbayerisches Gebet (Anf. 9. Jh., Regensburg?, abay. [,afrk.])

BI = Binger Inschrift (Ende 10. Jh., arhfrk.)

BR = Basler Rezepte (8. Jh.?, aofrk. [,abay., ae.])

BS = Blutsegen, Longinussegen (Ende 10. Jh.?, aal.?)

C = Carmen ad Deum (Mitte 9. Jh., abay.)

Cap = Capitularia (6.-10. Jh., unterschiedliche ahd. Sprachzugehörigkeit)

Ch = Christus und die Samariterin (Ende 9. Jh.?, afrk./aal.)

DH = De Henrico (Ende 10./Anf. 11. Jh., anrhfrk.? [,as.])

E = Exhortatio ad plebem christianam (Anf. 9. Jh., abay.)

EV = Einhardi Vita Karoli (830-40?, aofrk.?)

FB = Fuldaer Beichte ([830,] 10. Jh.?, Fulda, aofrk.)

FF = Fuldaer Federprobe (9. Jh., aofrk.?)

FG = Fränkisches Gebet (821, arhfrk. [,abay.])

FP = Freisinger Paternoster (Anf. 9. Jh., Bayern, abay.)

FT = Fränkisches Taufgelöbnis (Ende 8. Jh.?, aofrk.)

G = Georgslied (Ende 9. Jh., Weißenburg?, St. Gallen?, Reichenau?, Prüm?,

aal., afrk.[,roman.])

GA = St. Galler Schularbeit (Brief Ruodperts) (1. Hälfte 11. Jh., St. Gallen, aal.)

Gl = Glossen (aus mehr als 1100 Handschriften zwischen 1. Hälfte 8. Jh. und 15.

Jh., unterschiedliche ahd. Sprachzugehörigkeit)

GP = St. Galler Paternoster und Credo (Ende 8. Jh., aal.)

GSch = St. Galler Schreibervers (2. Hälfte 9. Jh., St. Gallen, aal.)

GSp = St. Galler Sprichwörter (11. Jh., aal.)

GV = St. Galler Spottverse (2. Hälfte 9. Jh. [I], 9./10. Jh. [II], 10. Jh. [III], aal.)

Hi = Hildebrandslied ([1. Hälfte 8. Jh.?, Oberitalien,] 8. Jh., Bayern?, abay. [,as.])

HH = Hirsch und Hinde (Ende 10. Jh.?, St. Gallen?, aal.?)

HM = Hammelburger Markbeschreibung ([777, aofrk.])

I = Isidor, althochdeutscher (Ende 8. Jh., Lothringen?, asrhfrk.?)

JB = Jüngere bayerische Beichte (1000, abay.)

KG = Kasseler Gespräche (8. Jh.?, Bayern?, abay.)

KI = Kölner Inschrift (860?, Köln?, amfrk.?)

KT = Kölner Taufgelöbnis (811?, Köln?, amfrk.)

KV = Kicila-Vers (Mitte 11. Jh.?, Reichenau?, arhfrk.?, aal.?)

L = Ludwigslied (882?, Niederlothringen?, arhfrk.?)

LAl = Lex Alamannorum (712/25?, 7. Jh.?)

LB = Lorscher Beichte (Ende 9. Jh., Lorsch, arhfrk.?)

LBai = Lex Baiwariorum (vor 743)

LF = Lex Salica (-Fragment), althochdeutsche(s) (Anf. 9. Jh., aofrk./abay.?)

LLang = Leges Langobardorum (643ff. Oberitalien, lang.)

LN = Liebesantrag an eine Nonne (Kleriker und Nonne) (Anf. 11. Jh.?/Ende 10.

Jh.?, anrhfrk.?, athür.?)

LRib = Lex Ribvaria (7. Jh.?, afrk.)

XV Vorwort

LS = Lorscher Bienensegen (10. Jh., Lorsch, arhfrk.)

LThur = Lex Thuringorum (um 800)

LVis = Leges Visigothorum (7. Jh.)

M = Muspilli (9. Jh.?, 810?, 830?, abay.?)

MB = Mainzer Beichte (vor 962, arhfrk.)

MF = Mondsee(-Wiener)-Fragmente (Ende 8. Jh., Lothringen?, asrhfrk./abay.)

MG = Merseburger Gebetsbruchstück (Anf. 9. Jh.?, aofrk.)

MH = Murbacher Hymnen (810-17, Reichenau?, aal.?)

MNPs = Altsüdmittelfränkische (und altostniederfränkische) Psalmen (9. Jh., asmfrk.

[und aonfrk., as.])

MNPsA = Altsüdmittelfränkische (und altostniederfränkische) Psalmenauszüge

(Auszüge aus MNPs durch den Humanisten Lipsius von etwa 1598)

MZ = Merseburger Zaubersprüche (1. Hälfte 8. Jh.?, athür.?, aofrk.?)

N = Notker (980-1022, St. Gallen, aal.)

NP = Notker (zusätzliche Textwörter der St. Pauler Bruchstücke, 12. Jh.?)

NGl = Notkerglossator (2. Vt. 11. Jh., St. Gallen, aal.)

NGlP = Notkerglossator (zusätzliche Glossen der St. Pauler Bruchstücke)

O = Otfrid (863-871, Weißenburg, aal.)

OG = Otlohs Gebet (nach 1067, abay.)

ON = Ortsname(n)

P = Petruslied (Freisinger Bittgesang an den heiligen Petrus) (Mitte 9. Jh.?,

abay.)

PAl = Pactus Alamannorum (7. Jh.)

PE = Priestereid (1. Hälfte 9. Jh.?, abay.)

PfB = Pfälzer Beichte (10. Jh.?, Weißenburg?, asrhfrk.)

PG = Pariser Gespräche (Althochdeutsches Gesprächsbüchlein) (9. Jh.?, amfrk.?,

anfrk.?])

Ph = Physiologus (2. Hälfte 11. Jh., aal.)

PLSal = Pactus legis Salicae (507-11?)

PN = Personenname(n)

PNe = Pro Nessia (10. Jh.?, abay.)

Psb = Psalm 138 (um 930, abay.)

PT = Pariser Tatianfragmente ([830, Fulda,] aofrk.)

RB = Reichenauer Beichte (10. Jh., arhfrk.)

RhC = Rheinfränkische Cantica (900?, arhfrk./amfrk.)

SG = Sigiharts Gebet (Anf. 10. Jh., abay.)

SPs = Sächsische Psalmenbruchstücke (10. Jh., Westfalen?, as./arhfrk./ae.)

T = Tatian, althochdeutscher (830, Fulda, aofrk./aal.)

TC = Trierer Capitulare (Mitte 10. Jh., Trier?, amfrk.)

TSB = Trierer Pferdesegen (B) (Trierer Spruch) (10. Jh.?, Trier, arhfr [,as.?])

TSp = Trierer Spruch (Trierer Reimspruch) (Anf.? 11. Jh.?, Trier, arhfrk., as.?])

TV = Trierer Verse wider den Teufel (Ende 9. Jh.?, Trier, altmoselfrk.?, arhfrk.?)

Urk = Urkunde, Vita, Chronik usw.

W = Wessobrunner Schöpfungsgedicht und Gebet (766-800, abay. [,as.?, ae.?])

WB = Würzburger Beichte (Mitte 9. Jh., Würzburg, aofrk. [,anfrk.?])

WK = Weißenburger Katechismus (790?, Worms?, asrhfrk.)

WM = Würzburger Markbeschreibungen (8. Jh., Würzburg, aofrk.)

WS = Wiener Hundesegen (1. Hälfte 10. Jh.?, abay.)

WU = Weingartener Buchunterschrift (11. Jh., Weingarten, aal.)

XVI Vorwort

 

Verzeichnis der wichtigsten Abkürzungen

a. auch athür. altthüringisch

A. Auflage av. avestisch

aal. altalemannisch avellin. Mundart von Avellino

abay. altbayerisch avenez. altvenezianisch

abgel. abgeleitet B. Beleg(e)

abret. altbretonisch bask. baskisch

Adj. Adjektiv Bd. Band, Bände

Adv. Adverb bellun. Mundart von Belluno

adv. adverbial bergam. Mundart von Bergamo

adversat. adversativ Bez. Beziehung

ae. altenglisch bologn. Mundart von Bologna

A.f.d.A. Anzeiger für deutsches borm. Mundart von Bormio

Altertum und deutsche bresc. Mundart von Brescia

Literatur byz. byzantinisch

afries. altfriesisch com. Mundart von Como

afrk. altfränkisch cremon. Mundart von Cremona

afrz. altfranzösisch Dat. Dativ

ahd. althochdeutsch dekl. deklinabel

ai. altindisch defekt. defektiv

air. altirisch Demonstr. Demonstrativ

ais. altisländisch dial. dialektisch, dialektal

ait. altitalienisch DW Deutsches Wörterbuch

Akk. Akkusativ Du. Dual

Akt. Aktiv E. Etymologie

amfrk. altmittelfränkisch emil. emilisch

amoselfrk. altmoselfränkisch enklit. enklitisch

ampezz. Mundart von Ampezzo Ew. Erbwort

and. altniederdeutsch exc excipit

Anf. Anfang F. Femininum

anfrk. altniederfränkisch fnhd. frühneuhochdeutsch

Anm. Anmerkung Frageadv. Frageadverb

anom. anomal friaul. friaulisch

anrhfrk. altnordrheinfränkisch frz. französisch

aonfrk. altostniederfränkisch gall. gallisch

apers. altpersisch gasc. gascognisch

aport. altportugiesisch gen. Mundart von Genua

apreuß. altpreußisch Gen. Genitiv

aram. aramäisch germ. germanisch

arcev. arcevisch, Mundart von gilh. Mundart von Gilhoc

Arcevia got gotisch

arezz. Mundart von Arezzo gr. griechisch

arhfrk. altrheinfränkisch guastall. Mundart von Guastalla

Art. Artikel hebr. hebräisch

as. altsächsisch hess. hessisch

aschwed. altschwedisch hg. herausgegeben

asmfrk. altsüdmittelfränkisch holst. holsteinisch

XVII Vorwort

asrhfrk. altsüdrheinfränkisch Hs. Handschrift

athem. athematisch hypothet. hypothetisch

I. Interferenz N. Neutrum

idg. indogermanisch nb nichtbiblisch

Imp. Imperativ ne. neuenglisch

inc incipit neg. negativ

Ind. Indikativ nfrz. neufranzösisch

Indef. Indefinitiv nhd. neuhochdeutsch

indekl. indeklinabel nis. neuisländisch

Inf. Infinitiv nl. niederländisch

Instrum. Instrumental Nom. Nominativ

Interj. Interjektion nordit. norditalienisch

interrog. interrogativ nprov. neuprovenzalisch

intr. intransitiv Num. Kard. Grundzahl

it. italienisch Num. Ord. Ordnungszahl

Jh. Jahrhundert oberd. oberdeutsch

kalabr. kalabresisch oberit. oberitalienisch

kat. katalanisch obers. obersächsisch

kelt. keltisch ON. Ortsname

Komp. Komparativ Opt. Optativ

Konj. Konjunktion o.s. oneself (selbst)

Konjekt. Konjektur osset. ossetisch

kons. konsonantisch Part. Partizip

ksl. kirchenslawisch Partik. Partikel

lang. langobardisch pass. passivisch

lat. lateinisch Pass. Passiv

Lbd. Lehnbedeutung PBB Paul und Braunes

Lbi. Lehnbildung Beiträge zur Geschichte

lett. lettisch der deutschen Sprache lit.

litauisch und Literatur

lomb. lombardisch Perf. Perfekt

lothr. lothringisch Pers. Person

Lsch. Lehnschöpfung piem. piemontesisch

lucc. Mundart von Lucca pist. Mundart von Pistoja

Lüs. Lehnübersetzung Pk Pokorny

Lüt. Lehnübertragung Pl. Plural

lux. luxemburgisch PN. Personenname

Lw. Lehnwort poit. poitevinisch

lyon. lyonesisch port. portugiesisch

m. mit Poss. Possessiv

M. Maskulinum Präd. Prädikat

magyar. magyarisch Präf. Präfix

me. mittelenglisch Präp. Präposition

meckl. mecklenburgisch Präs. Präsens

mgr. mittelgriechisch Prät. Präteritum

mhd. mittelhochdeutsch Prät.-Präs. Präterito-Präsens

mlat. mittellateinisch Pron. Pronomen

mnd. mittelniederdeutsch Pron.-Adj. Pronominaladjektiv

mnfrk. mittelniederfränkisch prov. provenzalisch

mnl. mittelniederländisch Ps. Psalm

montañ. Mundart von Montañes Q. Quelle(n)

XVIII Vorwort

mozarab. mozarabisch R. Redewendung(en)

refl. reflexiv tirol. tirolisch

reggio-emil. Mundart von Reggio tosk. toskanisch

Emilia tr. transitiv

Relat. Relativ türk. türkisch

rom. romanisch ÜE. Übersetzungsentroveret.

Mundart von Rovereto sprechung(en)

rum. rumänisch ÜG. Übersetzungsgleichrun.

runisch ungen(en)

s. siehe unpers. unpersönlich

S. Seite unr. unregelmäßig

sard. sardinisch urspr. ursprünglich

Sb. Substantiv v. von

schles. schlesisch V. Verb

schlesw. schleswigisch valses. Mundart von Valsesia

schwäb. schwäbisch valvest. Mundart von Valvestino

schweiz. schweizerdeutsch veltl. veltlinisch

Sg. Singular venez. venezianisch

siz. sizilianisch veron. Mundart von Verona

skyth. skythisch vgl. vergleiche

slaw. slawisch vlat. vulgärlateinisch

s.o. someone (jemand) Vok. Vokativ

Son. Sonstiges volterr. Mundart von Volterra

span. spanisch Vt. Viertel

st. stark Vw. Verweis(e)

steir. steirisch wfäl. westfälisch

s.u. siehe unter wgot. westgotisch

subst. substantiviert W. Weiterleben

südfrz. südfranzösisch wallis. wallisisch

Suff. Suffix z.B. zum Beispiel

Superl. Superlativ Z.f.d.W. Zeitschrift für deutsche

s.v. sub voce Wortforschung

sw. schwach z.T. zum Teil

tatar. tatarisch

XIX Vorwort

 

Bibliographie zum Althochdeutschen

Die hier vorgelegte umfassende Zusammenstellung des althochdeutschen Wortschatzes

beruht auf ausgedehnter Forschungstätigkeit zahlreicher Generationen von Germanisten.

Diese reicht von der Aufspürung des altdeutschen Materials über dessen Edition,

Einordnung und Deutung bis zur lexikographischen Verwertung. Da ein

Handwörterbuch selbst diese wissenschaftlichen Leistungen zwar zugrundelegen, nicht

aber im einzelnen dokumentieren kann, ist es auf eine bibliographische

Gesamtübersicht der wichtigsten einschlägigen Arbeiten verwiesen, wie sie im folgenden

für alle an weiterer Vertiefung interessierte Benutzer gegeben wird.

Abbott, T., Catalogue of the Manuscripts in the Library of Trinity College, 1900

Ackeren, W. van, Die althochdeutschen Bezeichnungen der septem peccata criminalia

und und ihrer filiae, Diss. phil. Greifswald, 1904

Adelung, J., Glossarium manuale ad scriptores mediae et infimae latinitatis, Bd. 1ff.

1772ff.

Ahlsson, L., Die altfriesischen Abstraktbildungen, 1960

Aitken, P. s. Young, J./Aitken, P., A Catalogue of the Manuscripts in the Library of

the Hunterian Museum in the University of Glasgow

Alanne, E., Die deutsche Weinbauterminologie in althochdeutscher und

mittelhochdeutscher Zeit, 1950

Albers, K., Der lateinische Wortschatz des Abrogans, Diss. phil. Münster (1954) 1956

Alexander, J. s. Pächt, O./Alexander, J., Illuminated Manuscripts in the Bodleian

Library

Alkuin-Briefe und andere Traktate. Im Auftrage des Salzburger Erzbischofs Arn um

799 zu einem Sammelband vereinigt. Codex Vindobonensis 795 der Österreichischen

Nationalbibliothek. Einführung v. Unterkirchner, F., 1969, Codices selecti phototypice

impressi 20

Allgeier, A., Der Psalter Notkers von St. Gallen, FS Vollmer, H., 1941, 164-181

Alminauskis, K., Die Germanismen des Litauischen, Teil 1 1934

Das älteste deutsche Buch. Die »Abrogans«-Handschrift der Stiftsbibliothek St. Gallen,

hg. v. Bischoff, B./Duft, J./Sonderegger, S., 1977

Althochdeutsch, hg. v. Bergmann, R. u.a., Bd. 1f. 1987

Althochdeutsche Glossen. Erste Sammlung, nebst einer litterarischen Übersicht

althochdeutscher und altsächsischer Glossen, hg. v. Hoffmann, A., 1826

Althochdeutsches Wörterbuch, hg. v. Karg-Gasterstädt, E./Frings, T., Bd. 1ff. 1952ff.

Die altostniederfränkischen Psalmenfragmente, die Lipsiusschen Glossen und die

altsüdmittelfränkischen Psalmenfragmente, hg. v. Helten, W. van, 1902, Neudruck

1971

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Antonsen, E., A Concise Grammar of the Older Runic Inscriptions, 1975

Arntz, H., Handbuch der Runenkunde, 2. A. 1944

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XX Vorwort

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Auszüge aus einer lateinischen Pergament-Handschrift der Freisinger Domkirche vom

Ende des X. Jahrhunderts, in: Quellen zur bayerischen und deutschen Geschichte Bd.

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Bach, H., Handbuch der Luthersprache, Bd. 1ff. 1974ff.

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Baesecke, G., Die althochdeutschen Taufgelöbnisse, Forschungen und Fortschritte 21/23

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XXI Vorwort

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und Literatur, hg. v. Schröder, W., 1966, 181-220

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XXIII Vorwort

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XXV Vorwort

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XXVI Vorwort

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Bischoff, B., Die südostdeutschen Schreibschulen und Bibliotheken in der

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Bischoff, B., Über Einritzungen in Handschriften des frühen Mittelalters, in: Bischoff,

B., Mittelalterliche Studien Bd. 1, 1966, 88-92

Bischoff, B., Die Überlieferung des Theophilus-Rugerus nach den ältesten

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Bischoff, B., Zur Kritik der Heerwagenschen Ausgabe von Bedas Werken (Basel 1563),

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LXXVII Vorwort

Kurze Einführung in das Althochdeutsche

A. Begriff

I. Das seit Jakob Grimm (1819) so bezeichnete Althochdeutsche ist die älteste

Sprachstufe der hochdeutschen Sprache. Diese unterscheidet sich vom durch

Rekonstruktion gewonnenen Germanischen durch die vielleicht schon im 6. Jahrhundert

(Personenname Idorih auf der Lanzenspitze von Wurmlingen) einsetzende, aber erst ab

750 besser belegte althochdeutsche Lautverschiebung (Verschiebung von p, t, k zu

Doppelspiranten [ff, zz, hh] oder Affrikaten [pf/ph, z/tz, altoberdeutsch kh/ch] und von

º, ª, × zu t, b, g). Gegenüber dem um 1050 einsetzenden Mittelhochdeutschen, der

zweitältesten Sprachstufe der hochdeutschen Sprache, ist das Althochdeutsche durch die

vollen Vokale der nicht hochbetonten Silben gekennzeichnet, welche im

Mittelhochdeutschen zu e oder i abgeschwächt sind.

II. Räumlich grenzt das Althochdeutsche im Norden an das Altsächsische, zu dem noch

Essen, Werden, das Rothaargebirge und der Südharz gehören, und im Nordwesten an

das Altniederfränkische. Über die Westgrenze des geschlossenen althochdeutschen

Sprachgebietes läßt sich keine Sicherheit gewinnen. Im Osten (Thüringen) fehlen

umfangreiche Zeugnisse. Im Süden weist noch das Langobardische althochdeutsche

Züge auf.

III. Das Althochdeutsche ist - abgesehen von den bloßen Nennungen althochdeutscher

Personen- und Ortsnamen - durch rund 1200 Handschriften, in denen sich

althochdeutsche Elemente sehr verschiedenen Umfangs finden, überliefert. Die

wichtigsten althochdeutschen Schreiborte sind dabei in Bayern Salzburg, Mondsee,

Passau, Regensburg, Tegernsee und Freising, in Alemannien St. Gallen, Reichenau und

Murbach sowie im fränkischen Gebiet Weißenburg, Lorsch, Mainz, Frankfurt,

Würzburg, Bamberg, Fulda, Trier, Echternach und Aachen. Allerdings sind auch von

wichtigen Sprachdenkmälern die Entstehungsorte wie die Schreiborte nicht bekannt und

müssen neben den genannten Schreiborten weitere, nicht sicher identifizierbare,

angenommen werden. Außerdem stammen die Schreiber eines Schreibortes vielfach aus

anderssprachigen Gebieten.

IV. Zur Aufzeichnung wird das lateinische Alphabet verwendet. Die lateinischen

Schriftzeichen ermöglichen nur eine unvollkommene Wiedergabe des althochdeutschen

Lautsystems. Zusätzliche Zeichen wurden gleichwohl für das Althochdeutsche nicht

entwickelt.

LXXVIII Vorwort

V. Am nächsten verwandt ist das Althochdeutsche mit dem Altniederdeutschen

(Altsächsischen und Altniederfränkischen). Mit diesem und dem Altfriesischen sowie

dem Altenglischen hat es viele Spracherscheinungen gemeinsam

(Konsonantengemination, Bildung der 2. Person Singular Praeteriti der starken Verben,

Suffixe -heit, -schaft, -tum, Wortschatzübereinstimmungen). Von daher ist es im

Gegensatz zum ostgermanischen Gotischen und zum nordgermanischen Altnordischen

dem sog. Westgermanischen zuzurechnen.

VI. In sich ist das Althochdeutsche nicht einheitlich, so daß von althochdeutsch nur im

Sinne einer wissenschaftlichen Zusammenfassung verschiedener Einzelmundarten

gesprochen werden kann. Zu unterscheiden sind vor allem das altmitteldeutsche

Altfränkische und die altoberdeutschen Mundarten des Altbayerischen und

Altalemannischen (sowie das Langobardische). Das Altfränkische läßt sich dabei weiter

in Altsüdrheinfränkisch (Weißenburg), Altrheinfränkisch (Mainz, Lorsch, Frankfurt,

Fulda [seit 10. Jh.]), Altostfränkisch (Würzburg, Bamberg, Fulda [bis 10. Jh.]) und

Altmittelfränkisch (Trier, Echternach usw.) (sowie das altniederdeutsche

Altniederfränkische) gliedern.

VII. Für wissenschaftliche Zwecke wird das Althochdeutsche in der Regel auf den

Lautstand des in Fulda um 830 durch Übersetzung geschaffenen althochdeutschen

Tatian normalisiert. Dadurch werden zwar sowohl räumliche Verschiedenheiten als auch

zeitliche Entwicklungen künstlich vernachlässigt. Andererseits wird dadurch aber so viel

praktische Übersicht gewonnen, daß deswegen auch hier normalisiert wird.

VIII. Ediert sind die althochdeutschen Quellen in unterschiedlichen Publikationen.

Hervorzuheben sind dabei vor allem die Ausgaben der umfassenderen Texte (Notker,

Otfrid, Tatian, Isidor, Mondseer Fragmente, Murbacher Hymnen), der kleineren

Sprachdenkmäler (Steinmeyer 1916, Köbler 1986), der Glossen (Steinmeyer/Sievers)

und zahlreicher einzelner Glossennachträge (zusammenfassend Köbler 1993) sowie die

Ausgaben der lateinischen frühmittelalterlichen Texte bzw. Handschriften.

B. Akzent

Der Akzent liegt auf der jeweils ersten Silbe eines Wortes. Abgeleitete Wörter

behalten grundsätzlich die Betonung des Grundwortes.

C. Vokale

I. Kurze Vokale (a, e, i, o, u)

a ahd. akkar Acker (germ. *akraz Acker)

a ahd. ahto acht (germ. *ahtau acht)

a ahd. fater Vater (germ. *fadar Vater)

e ahd. ezzan essen (germ. *etan essen)

i ahd. fisk Fisch (germ. *fiskaz Fisch)

LXXIX Vorwort

o ahd. gold Gold (germ. *gulþam Gold)

o ahd. fol voll (germ. *fullaz voll)

u ahd. sunu Sohn (germ. *sunuz Sohn)

Durch Â, j der folgenden unbetonten Silbe wird germanisch a häufig zu althochdeutsch

e (gast, gesti Gast, Gäste) umgelautet. Germanisch u wird teilweise zu o.

II. Lange Vokale (õ, Ð, Æ, æ, ð)

õ ahd. õhten verfolgen (germ. *anhtjan verfolgen)

õ ahd. mõno Mond (germ. *mÐnan [Ð1] Mond)

(Ð ahd. hier hier [germ. *hÐr [e2] hier])

Æ and. swÆn Schwein (germ. *swÆnam Schwein)

(æ ahd. bruoder Bruder [germ. *bræþar Bruder])

ð ahd. hðs Haus (germ. *hðsa- Haus)

Von den germanischen Langvokalen werden Ð2 und æ diphthongiert; Ð1 wird zu õ.

III. Diphthonge (ei, ou, io, iu, ia, uo)

ei ahd. geiz Geiß (germ. *gaitiz Geiß)

ei ahd. ein ein (germ. *ainaz ein)

ei ahd. ei Ei (germ. *ajjam Ei)

(Ð ahd. gÐr Speer [germ. *gaizaz Spieß])

ou ahd. ouhhæn vermehren (germ. *aukan mehren)

(æ ahd. ræt rot [germ. *raudaz rot])

io ahd. diota Volk (germ. *þeudæ Volk)

iu ahd. liut Leute (germ. *leuda Leute)

Germanisch ai wird zu Ð vor r, w und h sowie im Auslaut einiger Interjektionen.

Germanisch au wird æ vor h und vor Dentalen. Germanisch eu wird zu io vor h oder

Dentalen, altfränkisch auch in allen anderen Fällen.

IV. Kombinatorischer Lautwandel

Durch Â, j der folgenden Silbe wird vor allem a zu e umgelautet (gast, gesti, Gast,

Gäste). Spätalthochdeutsch werden auch andere Vokale erkennbar umgelautet. Vor e,

a, o in Folgesilben wird u vielfach zu o.

Die Vokale der nicht starktonigen Silben werden vielfach zu e abgeschwächt oder

entfallen ganz. Dabei sind die Vokale von Endsilben fester als die Vokale von

Mittelsilben. Andererseits können aber auch Vokale in Wörter neu eingefügt werden

(sog. Sproßvokale, z.B. ahd. beraht hell, germ. *berhtaz hell).

V. Ablaut

Das Althochdeutsche kennt wie das Germanische den aus der indogermanischen

Grundsprache ererbten Ablaut. Es benutzt ihn vor allem dazu, verschiedene

Bedeutungen zum Ausdruck zu bringen. Dabei werden insbesondere sechs (sieben)

Ablautreihen unterschieden, welche zur Unterscheidung der verschiedenen Formen des

LXXX Vorwort

sog. starken Verbs dienen, aber auch sonst erscheinen. Die Ablautreihen des starken

Verbs umfassen zwei bis vier Ablautstufen (Präsens [Infinitiv]); 1., 3. P. Sg. Ind. Prät.;

2. P. Sg. Ind., Pl. Ind. Prät., Opt.; Part. Prät.).

Æ : ei, i : i ahd. stÆgan steigen (germ. *steigan)

io, iu : ou, u, æ : o ahd. biotan bieten (germ. *beudan)

e, i : a, u : u, o ahd. werdan werden (germ. *werþan)

e, i : a, õ : o ahd. beran tragen (germ. *beran)

e, i : a, õ : e ahd. geban geben (germ. *geban)

a : uo : a ahd. faran fahren (germ. *faran)

a, õ, ei : ie ahd. lõzan lassen (germ. *lÐtan)

ou, æ, uo : ie ahd. loufan laufen (germ. *hlaupan)

Im einzelnen entstehen im Althochdeutschen infolge der althochdeutschen

Vokalwandlungen zahlreiche Untergruppen.

D. Konsonanten

Das Althochdeutsche unterscheidet sich von allen übrigen vom Germanischen

abstammenden (d.h. germanistischen) Sprachen durch die sog. althochdeutsche

Lautverschiebung von t, p, k (zu tz bzw. zz, pf bzw. ff und [altoberdeutsch] kh bzw.

hh), die zeitlich-räumlich verschieden schnell und weit verläuft.

I. Germanische stimmlose Reibelaute (f, þ, h, s)

germ. f ahd. fater Vater (germ. *fadar)

germ. þ ahd. drÆ drei (germ. *þreijiz)

germ. h ahd. hunt Hund (germ. *hundaz)

germ. h ahd. hefen heben (germ. *hafjan)

germ. h ahd. wer wer (germ. *hwÐ)

germ. s s. IV

Das inlautende germanische f wird vielfach althochdeutsch u geschrieben. Das

germanische h wird im Wort- und Silbenanlaut vom Reibelaut zum Hauchlaut. Vor

Konsonanten geht h im Anlaut verloren. Das germanische þ wird zeitlich am frühesten

im Altbayerischen (6. Jh.?) und am spätesten im Altmittelfränkischen (10./11. Jh.) zu d.

II. Germanische stimmhafte Reiblaute (ª, º, ×, z)

germ. ª, b ahd. beran (aobd. p) tragen (germ. *ªeran)

germ. ª, b ahd. geban geben (germ. *×eban)

germ. º, d ahd. tura (amfrk./arhfrk. d) Türe (germ. *ºura)

germ ×, g ahd. gast (aobd. k) Gast (germ. *×astiz)

germ. ×, g ahd. singan singen (germ. *sen×wan)

germ ×, g ahd. tragan tragen (germ. *dra×an)

germ. z s. IV

III. Germanische stimmlose Verschlußlaute (p, t, k)

LXXXI Vorwort

germ. p ahd. pfending Pfennig (germ. *reipan)

germ. t ahd. zðn Zaun (germ. *tðna-)

germ. k ahd. kiosan (aobd. ch-) versuchen (germ. *keusan)

germ. k ahd. ouhhæn vermehren (germ. *aukan)

germ. kw ahd. kweman kommen (germ. *kweman)

Nicht verschoben wird p in der Verbindung mit s (sp). Anlautendes germanisches p,

inlautendes pp und mp bleiben altmittel- und altrheinfränkisch unverschoben. Das

verschobene p wird als pf (oder ph) geschrieben.

Ein k wird allgemein in der Verbindung s-k nicht verschoben (- doch wird noch im

Althochdeutschen lautlich s-k zum palatalen stimmlosen Spiranten sch -). Im Anlaut

sowie inlautend bei Gemination und nach l, r, n wird es im Altfränkischen nicht

verschoben. K wird vielfach als c geschrieben, hh vielfach als ch.

Germanisch t wird zu z (tz), (zz) verschoben (im Wortanlaut und im Wortinlaut nach

Konsonant zur dentalen Affrikata z (tz), zz, sonst zum dentalen Spiranten (zz).

Ausgenommen von dieser Verschiebung werden tr, st, ht und ft.

IV. Germanischer stimmloser Reibelaut s

ahd. sibun sieben (germ. *sebun

ahd. ast Ast (germ. *astaz)

Das germanische stimmhafte s (z) wird zu r und schwindet im Auslaut überhaupt.

V. Sonorlaute

m ahd. muoter Mutter (germ. *mæder)

n ahd. niuwi neu (germ. *neujaz)

r ahd. ræt rot (germ. *raudaz)

l ahd. lahs Lachs (germ. *lahsaz)

Das auslautende m geht im 9. Jahrhundert in n über. Im Inlaut ist die Zahl der

althochdeutschen r durch den Übergang des germanischen (stimmhaften) z in r stark

vermehrt (z.B. germ. maizan mehr, ahd. mÐro mehr).

VI. Halbvokale

1. Germanisch w bleibt im Althochdeutschen weitgehend erhalten.

w ahd. waltan walten (germ. *waldan)

Es wird im Althochdeutschen als u oder uu geschrieben. Im Anlaut ist es vor allen

Vokalen erhalten, vor r und l aber verloren. Inlautendes w wird am Auslaut eines

Wortes oder einer Silbe zu o (z.B. ahd. garo bereit, garawen bereiten).

2. Germanisch j bleibt im Althochdeutschen im Anlaut erhalten.

j ahd. jõr Jahr (germ. *jÐram)

Es wird im Althochdeutschen als i geschrieben, also vom Vokal i graphisch nicht

geschieden. Im Inlaut ist es nach Vokalen nicht selten (z.B. fÆjant Feind). Nach

Konsonanten verliert es sich im 9. Jahrhundert weitgehend (anders z.B. nach kurzem

Vokal und r wie z.B. nerien).

LXXXII Vorwort

VII. Kombinatorischer Lautwandel

J, w, r, l, n (und m) rufen schon im Westgermanischen Verdoppelung (Gemination)

eines unmittelbar vorangehenden Konsonanten hervor:

z.B. ahd dritto dritte (germ. *þridjan), ahd. willo Wille (germ. *wiljan).

Darüber hinaus entstehen durch die althochdeutsche Lautverschiebung aus einfachen

inlautenden t, p, k die Doppelspiranten zz, ff, hh (z.B. ahd. ezzan essen, ahd. offan

offen, ahd. mahhæn machen), welche nach kurzem Vokal bestehen bleiben, nach langem

Vokal später aber vielfach wieder vereinfacht werden (z.B. ahd. slõfan schlafen).

Verdoppelung eines Konsonanten kann außerdem durch Assimilation an l, r, m, n

entstehen.

Sog. grammatischer Wechsel (germanisch stimmloser Reibelaute in stimmhafter

Umgebung zu stimmhaften Reibelauten) findet sich im Althochdeutschen zwischen d

und t, f und b, h und g sowie s und r (z.B. ahd. kiosan wählen, aber gikoran gewählt,

snÆdan schneiden, aber gisnitan geschnitten).

Hieraus ergibt sich insgesamt folgende Gegenüberstellung:

Germanisch Althochdeutsch Althochdeutsch Germanisch

a, õ a, õ a, õ a, õ, Ð

ai ei, Ð

au ou, æ

ª b b ª

c s. k

ch s. hh

d t (,d) d þ

e, Ð e, ie, õ e, Ð e, Ð, ai

eu io, iu ei ai

f f f f

ff p

g g g g

h h h h

hr r

hw w hw kw

hh k

i, Æ i, Æ i, Æ i, Æ

ie e

io eu

iu eu

j j j j

LXXXIII Vorwort

k k, kh, hh (,ch) k (,c) k

kh k

kw kw, hw kw kw

l l l l

m m m m

n n n n

æ o, æ o, æ æ, au, u, (w)

ou au

p pf, ff (,p) (p) p

pf p

ph s. pf

r r r r, hr, z

s s s s

t z (=tz), zz t d

þ d

(tz [=z] t)

u, ð u, o, ð u, ð u, ð

w w (,o) w w, hw

z r z (=tz) t

zz t

E. Substantiv

Das Althochdeutsche besitzt beim Substantiv die drei Geschlechter (Genera)

Maskulinum, Femininum und Neutrum, die zwei Numeri Singular und Plural und die

vier (fünf) Fälle (Kasus) Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ (sowie im Singular

vereinzelt den Instrumental). Es unterscheidet vier vokalische (starke) und drei (vier)

konsonantische (schwache) Deklinationsklassen.

Beim Substantiv setzt sich allmählich der Gebrauch des Artikels durch. Neben die

reinen Kasusformen treten zunehmend präpositionale Fügungen.

I. a-Stämme (männlich, sächlich)

1. reine a-Stämme (tag Tag, wort Wort)

S.N.M. tag (germ. *dagaz)

S.G.M. tages, -as (germ. *dagez[o])

S.D.M. tage, -a (germ. *dagai)

S.A.M. tag (germ. *dagan)

S.I.M. tagu, -o (germ. *dagu [?])

P.N.M. taga, -õ (germ. *dagoz)

P.G.M. tago (germ. *dagen, -on)

LXXXIV Vorwort

P.D.M. tagum, -om, -un, -on (germ. *dagamiz)

P.A.M. taga (germ. *daganz)

S.N.N. wort

S.G.N. wortes, -as

S.D.N. worte, -a

S.A.N. wort

S.I.N. wortu, -o

P.N.N. wort

P.G.N. worto

P.D.N. wortum, -om, -un, -on

P.A.N. wort

2. ja-Stämme (hirti Hirt, kunni Geschlecht)

S.N.M. hirti

S.G.M. hirtes

S.D.M. hirtie, hirte

S.A.M. hirti

S.I.M. hirtiu, hirtu

P.N.M. hirte, hirta

P.G.M. hirteo, hirto

P.D.M. hirtum, -un, -on, -im, -in

P.A.M. hirte, hirta

S.N.N. kunni

S.G.N. kunnes

S.D.N. kunnie, kunne

S.A.N. kunni

S.I.N. kunniu, -u, -o

P.N.N. kunni

P.G.N. kunneo, -io, -o

P.D.N. kunnim, -in, -um, -un, -on

3. wa-Stämme (selten) (lÐo Grab, horo Schmutz)

S.N.M. lÐo, lÐ

S.G.M. lÐwes

S.D.M. lÐwe

S.A.M. lÐo

P.N.M. lÐwa, -õ

P.G.M. lÐwo

P.D.M. lÐwum, -un, -on

P.A.M. lÐwa, -õ

S.N.N. horo

LXXXV Vorwort

S.G.N. horwes, horawes

S.D.N. horwe, horawe

S.A.N. horo

P.N.N. horo

P.G.N. horwo, horawo

P.D.N. horwum, horawum, -un, -on

P.A.N. horo

II. æ-Stämme (weiblich)

1. reine æ-Stämme (geba Gabe)

S.N.F. geba (germ. *gebæ)

S.G.F. geba, -u, -o (germ. *gebæz)

S.D.F. gebu, -o (germ. *gebai, -æ, -oi)

S.A.F. geba (germ. *gebæm, -æn)

P.N.F. gebõ (germ. *gebæz)

P.G.F. gebæno (germ. *gebæ[no], -on)

P.D.F. gebæm, -æn, -on (germ. *gebæmiz)

P.A.F. gebõ (germ. *gebæz)

2. jæ-Stämme (kuningin Königin)

S.N.F. kuningin

S.G.F. kuninginna

S.D.F. kuninginnu

S.A.F kuninginna (,-in)

P.N.F. kuninginnõ

P.G.F. kuninginnæno

P.D.F. kuninginnæm, -æn

P.A.F. kuninginnõ

3. wæ-Stämme

Sie sind von den reinen æ-Stämmen nicht unterschieden.

III. i-Stämme (männlich: gast Gast, weiblich: anst Gunst)

S.N.M. gast (germ. *gastiz)

S.G.M. gastes (germ. *gastiso)

S.D.M. gaste (germ. *gastai)

S.A.M. gaste (germ. *gastin)

S.I.M. gastiu, gestiu (germ. *gasti)

P.N.M. gesti (germ. *gastijiz)

P.G.M. gesteo, -io, -o (germ. *gastion)

P.D.M. gestim, -in, -en (germ. *gastimiz)

P.A.M. gesti (germ. *gastinz)

S.N.F. anst

LXXXVI Vorwort

S.G.F. ensti

S.D.F. ensti

S.A.F. anst

S.I.F.

P.N.F. ensti

P.G.F. ensteo, -io, -o

P.D.F. enstim, -in, -en

P.A.F. ensti

Die kurzsilbigen i-Stämme werden grundsätzlich wie die langsilbigen i-Stämme

dekliniert.

IV. u-Stämme (sunu Sohn, situ Sitte, fihu Vieh)

(ursprünglich männlich, weiblich, sächlich, nur in Resten erhalten)

S.N.F. situ (germ. *sunuz)

S.G.F. sites (germ. *sunauz)

S.D.F. site (germ. *sunawi)

S.A.F. situ (germ. *sunun)

S.I.F. sitiu, -u

P.N.F. siti (germ. *suniw[e]z)

P.G.F. siteo, -o (germ. *suniwe-)

P.D.F. sitim, -in (germ. *sunumiz)

P.A.F. siti (germ. *sununz)

S.N.N. fihu

S.G.N. fihes

S.D.N. fihe

S.A.N. fihu

P.N.N. fihiu?, fiho?

P.G.N. fiho?

P.D.N. fihen?

P.A.N. fiho?

V. s-Stämme

Die s-Stämme haben ihre alte Flexion aufgegeben und sind zu den a- oder u- Stämmen

übergetreten.

VI. r-Stämme

Hierher gehören fater Vater, bruoder Bruder, muoter Mutter, tohter Tochter, swester

Schwester, doch sind tohter, swester teilweise in die æ-Deklination und ist fater

teilweise in die a-Deklination übergetreten.

S.N.M. bruoder (germ. *bræþar)

S.G.M. bruoder (germ. *bræþriz)

S.D.M. bruoder (germ. *bræþri)

LXXXVII Vorwort

S.A.M. bruoder (germ. *bræþarun)

P.N.M. bruoder

P.G.M. bruodero

P.D.M. bruoderum, -un, -on

P.A.M. bruoder

VII. nt-Stämme (nur friunt Freund, fÆjant Feind)

S.N.M. friunt (germ. *frijonds)

S.G.M. friuntes

S.D.M. friunte (germ. *frijondi)

S.A.M. friunt (germ. *frijondun)

P.N.M. friunt, -a, -õ

P.G.M. friunto

P.D.M. friuntum, -un, -on

P.A.M. friunt, -a, -õ

VIII. n-Stämme (männlich: hano Hahn, weiblich: zunga Zunge, sächlich: herza Herz)

S.N.M. hano (germ. *hanan)

S.G.M. hanen (germ. *hananiz)

S.D.M. hanen, -in (germ. *hanani)

S.A.M. hanon, -un (germ. *hananum)

P.N.M. hanon, -un (germ. *hananiz)

P.G.M. hanæno (germ. *hananan)

P.D.M. hanæn (germ. *hanonmiz)

P.A.M. hanon, -un (germ. *hananuns)

S.N.F. zunga

S.G.F. zungðn

S.D.F. zungðn

S.A.F. zungðn

P.N.F. zungðn

P.G.F. zungæno

P.D.F. zungæm, -æn

P.A.F. zungðn

S.N.N. herza

S.G.N. herzen, -in

S.D.N. herzen, -in

S.A.N. herza

P.N.N. herzun, -on

P.G.N. herzæno

P.D.N. herzæm

P.A.N. herzun, -on

LXXXVIII Vorwort

Hierher gehören auch die femininen Abstrakta auf ahd. -Æ wie z.B. hæhÆ Höhe.

IX. Wurzelnomina (athematische Deklinationsklasse) (man Mann, naht Nacht)

S.N.M. mõn S.N.F. naht

S.G.M. man, mannes S.G.F. naht

S.D.M. man, manne S.D.F. naht

S.A.M. man S.A.F. naht

P.N.M. man P.N.F. naht

P.G.M. manno P.G.F. nahto

P.D.M. mannum, -un, -om, -on P.D.F. nahtum

P.A.M. man P.A.F. naht

Die meisten Wurzelnomina sind in die i-Deklination übergetreten.

F. Pronomen

I. Personalpronomen (ih, wir, dÈ, ir, er, siu, iz, sie)

S.N.1.P. ih (germ. *ek, *ik)

S.G.1.P. mÆn

S.D.1.P. mir (germ. *mez, *miz)

S.A.1.P. mih (germ. *mek)

D.N.1.P. unker (germ. *unkero)

P.N.1.P. wir (germ. *wiz)

P.G.1.P. unsÐr

P.D.1.P. uns (germ. *uns)

P.A.1.P. unsih (germ. *uns)

S.N.2.P. dÈ (germ. *þu)

S.G.2.P. dÆn

S.D.2.P. dir (germ. *þez)

S.A.2.P. dih (germ. *þek)

P.N.2.P. ir (germ. *iuz, *iiz)

P.G.2.P. iuwÐr

P.D.2.P. iu (germ. *izwiz)

P.A.2.P. iuwih (germ. *izwiz)

S.N.3.P.M. er (germ. *iz, *ez)

S.G.3.P. (sÆn)

S.D.3.P. imu, -o

S.A.3.P. inan, in

S.N.3.P.F. siu, sÆ, si (germ. *si-)

ira, -o, -u

iru, -o

sia, sie

LXXXIX Vorwort

siu

iro

S.N.3.P.N. iz (germ. *ita)

es, is

imu, -o

iz

P.N.3.P.M. sie

P.G.3.P.

P.D.3.P.

P.A.3.P. sie

P.N.3.P.F. sio

P.N.3.P.N. siu

P.G.3.P.N. iro

P.D.3.P.N. im, in

P.A.3.P.N. siu

Die Formen des geschlechtigen Personalpronomens der 3. Person gehören zu den zwei

Stämmen i- und si-.

II. Reflexivpronomen (sih)

S.N.

S.G. sÆn (,ira)

S.D. (imu) (,iru) (germ. *sez)

S.A. sih (germ. *sek)

P.N.

P.G. (iro)

P.D. (im)

P.A. sih

III. Possessivpronomen (mÆn mein, dÆn dein, sÆn sein, unser unsÐr, iuwÐr euer)

Das Possessivpronomen ist als Adjektiv zum Personalpronomen überwiegend aus

dessen Genitiv entstanden. In der dritten Person ist es vom Reflexivstamm genommen.

Für das Femininum Singular und den Plural fehlt es und wird durch die Genitive des

Personalpronomens ersetzt (ira, iro). Das Possessivpronomen entspricht in seiner

Flexion dem starken Adjektiv.

S.1.P.N. mÆnÐr mÆniu mÆnaz (germ. *mÆnaz)

S.2.P.N. dÆnÐr dÆniu dÆnaz (germ. *þÆnaz)

S.3.P.N. sÆnÐr sÆniu sÆnaz (germ. *sÆnaz)

P.1.P.N. unser(Ðr) unseriu unseraz (germ. *unsera)

P.2.P.N. iuwer(Ðr) iuweriu iuweraz (germ. *izwera)

IV. Demonstrativpronomen

1. der, diu, daz (der, die, das)

XC Vorwort

S.N.M. der diu daz

S.G.M. des dera, -u, -o des

S.D.M. demu, -o deru, -o demu, -o

S.A.M. den dea, dia daz

S.I.M. diu diu

P.N.M. de, dea, die deo, dio diu (,dei)

P.G.M. dero dero dero

P.D.M. dÐm, dÐn dÐm, dÐn dÐm, dÐn

P.A.M. de, dea, die deo, dio diu (,dei)

Das einfache Demonstrativpronomen wird auch als bestimmter Artikel und als

Relativpronomen gebraucht.

2. dese, desÐr (dieser)

S.N.M. dese, desÐr desiu, disiu diz

S.G.M. desses desera desses

S.D.M. desemu, -o deseru desemu, -o

S.A.M. desan desa diz

S.I.M. desiu, desu, disiu, disu

P.N.M. dese deso desiu, disiu

P.G.M. desero desero

P.D.M. desÐm, -Ðn desÐm, -Ðn

P.A.M. dese deso desiu, disiu

3. jenÐr (jener)

Das Pronomen jenÐr wird als starkes Adjektiv flektiert.

4. selb- (selb-)

Das Pronomen selb- wird als starkes und schwaches Adjektiv flektiert.

S.N.st. selber selbiu selbaz

S.N.sw. selbo selba selbo

V. Relativpronomen

Als Relativpronomen wird das Demonstrativpronomen der, diu, daz verwandt.

VI. Interrogativpronomen

1. wer (wer)

S.N.M. wer wer waz

S.G.M. wes wes wes

S.D.M. wemu, -o wemu, -o wemu, -o

S.A.M. wenan, wen wenan, wen waz

S.I.M wiu

Das Pronomen wer bildet nur den Singular und wird nur substantivisch gebraucht.

2. wedar (welcher von beiden)

Das Pronomen wedar wird als starkes Adjektiv flektiert.

XCI Vorwort

3. welÆh (welch)

Das Pronomen welÆh wird als starkes Adjektiv flektiert.

4. sæ wer sæ, sæ wÐlÆh sæ, sæ wedar sæ (wer immer, welcher immer)

Sie drücken das verallgemeinernde Relativ aus, wobei das zweite sæ bald entfallen

kann.

VII. Indefinitpronomen

»Irgendeiner« wird vor allem ausgedrückt durch sum, sumilÆh, ein, einÆg, wer, welÆh,

eddeswer, eddeswelÆh, eddeslÆh, dehein, deheinÆg.

»Anderer« wird durch ander wiedergegeben.

Für »keiner« wird nihein, nohein verwandt.

Vereinzelt erscheint man in der Bedeutung »man«.

»Jemand« wird durch ioman, »niemand« durch nioman, »etwas« durch wiht, io-wiht,

»nichts« durch niowiht zum Ausdruck gebracht.

»Jeder« wird durch gilÆh, welÆh, giwelÆh, iogiwelÆh oder al ausgedrückt.

G. Adjektiv

Das Adjektiv hat drei Geschlechter (männlich, weiblich, sächlich) und kann stark oder

schwach gebeugt werden, wobei die starke Beugung, welche in allen drei Geschlechtern

auch eine unflektierte Grundform aufweist, mit der Beugung der (vokalischen)

Substantive (der maskulinen und neutralen a-Stämme und der femininen æ-Stämme)

und in einigen Fällen der Pronomina übereinstimmt, die schwache Beugung mit der

konsonantischen Beugung der n-Stämme. Die schwache Form wird vor allem nach dem

bestimmten Artikel gebraucht. Komparative und Superlative flektieren nur schwach.

Das Partizip der Vergangenheit flektiert als regelmäßiges Adjektiv stark und schwach,

das Partizip der Gegenwart wie ein regelmäßiges Adjektiv mit starker und schwacher

Flexion.

I. Starke Adjektivformen

1. a-, æ-Stämme (blint bzw. blintÐr, blintiu, blintaz, blind bzw. blinder, blinde, blindes)

S.N. blint, -Ðr blint, -iu blint, -az

S.G. blintes blintera blintes

S.D. blintemu, -o blinteru, -o blintemu, -o

S.A. blintan blinta blint, -az

S.I. blintu, -o

P.N. blinte, blint blinto blintiu, blint

P.G. blintero blintero blintero

P.D. blintÐm, Ðn blintÐm, -Ðn blintÐm, -Ðn

P.A. blint blinto blintiu

XCII Vorwort

Das starke Adjektiv besitzt im Nominativ Singular aller Geschlechter und im Akkusativ

Singular Neutrum eine flektierte (z.B. blintÐr) und eine unflektierte Form (z.B. blint),

wobei die unflektierte Form im prädikativen Gebrauch bevorzugt wird.

2. ja-, jæ-Stämme

Die ja-, jæ-Stämme, zu denen vor allem auch das Partizip Präsens zählt, unterscheiden

sich von den a-, æ-Stämmen nur in der unflektierten Form, in der sie nicht auf

Konsonant, sondern auf -i enden.

S.N. mõri mõri mõri

3. wa-, wæ-Stämme (selten)

Die wa-, wæ-Stämme gehen in der unflektierten Form auf -o aus.

S.N. garo garo garo

4. i- und u-Stämme

Die i- und u-Stämme sind in die ja-, jæ-Stämme bzw. die a-, æ-Stämme übergetreten.

II. Schwache Adjektivformen (blinto, blinta, blinta blinde)

S.N. blinto blinta blinta

S.G. blinten, -in blintðn blinten, -in

S.D. blinten, -in blintðn blinten, -in

S.A. blinton, -un blintðn blinta

P.N. blinton, -un blintðn blintun, -on

P.G. blintæno blintæno blintæno

P.D. blintæm, -æn, blintæm, -æn blintæm, æn

P.A. blinton, -un blintðn blintun, -on

III. Steigerung

1. Komparativ

Der Komparativ wird durch die Suffixe -ir- und -ær- gebildet, wobei die mehrsilbigen,

mit Ableitungssuffixen gebildeten oder zusammengesetzten Adjektive fast stets -ær-, die

einfachen Adjektive der ja-Stämme fast ausschließlich -ir- verwenden.

2. Superlativ

Der Superlativ wird durch die Suffixe -ist- und -æst- gebildet, die in ihrer Verteilung

den Komparativsuffixen -ir- und -ær- entsprechen.

3. Unregelmäßige Steigerung (guot gut, ubil übel, mihhil groß, luzzil klein)

guot bezziro bezzisto

ubil wirsiro wirsisto

mihhil mÐro, mÐriro meisto

luzzil minniro minnisto

Verschiedenen Steigerungsformen liegt kein Adjektiv als Positiv zugrunde, sondern ein

Adverb oder eine Präposition:

z.B. Ðristo erste, hintaræsto hinterste, ðzaræsto äußerste.

XCIII Vorwort

H. Adverb

Das (abgeleitete) Adverb wird regelmäßig vom Adjektiv durch Anhängung von o

gebildet (z.B. snell-o schnell, ubil-o übel, gilÆhh-o gleich, rein-o rein, gar-o bereit,

samft-o sanft). Der Komparativ hierzu endet stets auf -ær, der Superlativ auf -ist oder

-æst.

Weiter können Adverbien auch durch Kasusformen (der Adjektive) gebildet werden

(z.B. gõh-ðn eilig, al vollständig, emmiz-ig-Ðn unaufhörlich).

Daneben finden sich zahlreiche ursprüngliche Adverben (z.B. dÀr da, wõr wo, wara

wohin, warumbe warum, wio wie, hiutu heute, hier hier).

I. Numerale (Zahlwort)

I. Grundzahlen

ein (M.F.N.) eins (germ. *ainaz)

zwÐne (M.), zwõ, -o (F.) zwei (N.) zwei (germ *twa[i])

drÆ (M.), drÆo (F.), driu (N.) drei (germ. *þrejiz)

Die Zahlen von eins bis drei unterscheiden drei Geschlechter und sind deklinabel.

fior, feor vier (germ. *fedwær[e]z)

fimf fünf (germ. *femft[e])

sehs sechs (germ. *sehs)

sibun sieben (germ. *sebun)

ahto acht (germ. *ahtau)

niun neun (germ. *newun)

zehan zehn (germ. *tehun)

einlif elf (germ. *ainalibi)

zwelif zwölf (germ. *twalibi)

Die Zahlen vier bis zwölf sind unflektiert, wenn sie adjektivisch vor einem Substantiv

stehen, - wie ein i-Stamm - flektiert dagegen, wenn sie adjektivisch nach einem

Substantiv stehen oder als Substantiv verwendet werden.

Die Zahlen dreizehn bis neunzehn werden als Zusammensetzungen der Einerzahlen mit

zehan gebildet (z.B. drÆ-zehan) und wie zehan behandelt. Die Zehnerzahlen von 20 bis

60 werden durch Verbindung der Einerzahlen mit -zug gebildet (z.B. zwein-zug, drÆzug,

fior-zug), die Zehnerzahlen von 70 bis 100 zunächst mit -zo, später auch mit -zug.

Sie sind nicht deklinabel und werden meist substantivisch gebraucht. Hundert heißt

zehan-zug, doch wird für die mehrfachen Hunderte meist hunt »hundert« verwandt

(z.B. fimf hunt). Tausend wird durch das meist feminin gebrauchte Substantiv dðs-unt

wiedergegeben.

II. Ordnungszahlen

Ðristo, furisto erste (germ. *airista, *furista)

ander zweite (germ. *anþaraz)

XCIV Vorwort

dritto dritte (germ. *þridjan)

fiordo vierte (germ. *... þan)

fimfto fünfte .

sehsto sechste .

sibunto siebte .

ahtodo achte .

niunto neunte .

zehanto zehnte .

einlifto elfte .

zwelifto zwölfte .

Das als Ordnungszahl verwendete ander ist Pronominaladjektiv und wird nur stark

flektiert. Dritto bis zwelifto werden von den Stämmen der Grundzahlen (und dem

Suffix -to/-do, germ. *-þan) gebildet und nur schwach flektiert. Die Ordnungszahlen

von 13 bis 19 sind (bis zu Notker) aus der Ordnungszahl der einstelligen Zahlen und

zehanto gebildet (z.B. drittozehanto), wobei nur der zweite Teil flektiert wird. Von

zwanzig an werden die Ordnungszahlen als Superlative auf -æsto der betreffenden

Gundzahlen gebildet (z.B. zwein-zug-æsto zwanzigste).

III. Andere Zahlarten

Distributivzahlen sind selten (z.B. zwiski zu zweit). Multiplikative Zahladjektive werden

durch -falt (z.B. fior-falt vierfach) gebildet, Zahladverbia durch -stunt (z.B. fior-stunt

viermal). Von einfachen Bruchzahlen wird nur halb öfter gebraucht.

K. Präpositionen und Präfixe

Die Präpositionen haben sich teils aus Adverbien, teils aus nominalen Bildungen in den

ältesten Zeiten der aus dem Indogermanischen entstandenen Einzelsprachen entwickelt.

Wichtige Präpositionen sind aba ab, after nach, ana an, õnu ohne, az bei, bÆ bei, duruh

durch, Ðr vor, fona von, fora vor, furi vor, gagan gegen, hintar hinter, in in, innan in,

ingagan entgegen, ir aus, mit mit, nõh nahe, nidar unter, oba auf, sÆd seit, ubar über,

ðfan auf, untar unter, unz bis, ðz aus, ðzan aus, ðzar aus, widar wider, zi zu, zuo zu.

Die meisten Präpositionen können als Präfixe fungieren. Nicht zugleich als

Präpositionen, aber als Präfixe sind außerdem bezeugt z.B. fir-, folla-, fram-, gi-, hera-,

hina-, int-, missi-, saman-, un-, ur-, zisamane-.

L. Konjunktionen

Wichtige Konjunktionen sind afur aber, alde oder, bidiu deswegen, danõn deshalb,

danne dann, dar als, daz daß, dæ da, doh gleichwohl, Ðr ehe, ibu wenn, inti und, inu

denn, joh auch, ni und nicht, nibu (so) daß (nicht), nio und nicht, noh und nicht, nu

also, odæ oder, sama wie, samasæ wie, sæ so, sæsama so, sæsæ so, unz bis, ðz sondern,

wanne als, wanta da, wio wie.

XCV Vorwort

M. Verb

Das Verb hat als selbständig entwickeltes Verbalgeschlecht (Genus) das Aktiv,

während das voralthochdeutsche Mediopassiv verschwunden ist. Das Passiv wird durch

das Partizipium Praeteriti und wesan oder werdan umschrieben (z.B. ist ginoman, wirdit

ginoman bzw. was ginoman, ward ginoman).

Zeiten sind das Praesens zur Bezeichnung unbestimmter, allgemeiner, sich

wiederholender oder möglicher sowie bestimmter relativ gegenwärtiger oder zukünftiger

Tatsachen sowie das Praeteritum als allgemeine Vergangenheit. Für die Zukunft fehlt

eine eigene Form und tritt auch eine Umschreibung mit skulan (sollen) oder wellen

(wollen) selten auf. Dagegen findet sich für das reine Perfekt - und seltener auch für

das Plusquamperfekt - schon eine Umschreibung mit habÐn, eigan oder wesan und

Partizipium Praeteriti (z.B. intfangan eigut ihr habt empfangen).

Aussageweisen sind Indikativ, Optativ (Konjunktiv) und im Praesens Imperativ. Als

Numeri erscheinen Singular und Plural mit je 3 Personen.

Außerdem gehören als Verbalnomina der Infinitiv des Praesens, das Partizipium

Praesentis und das Partizipium Praeteriti zum Verb.

Die Verben flektieren fast ausschließlich thematisch, d.h. sie gestalten ihren Indikativ

Präsens mit einem Thema- oder Bindevokal. Die starken Verben bilden den Stamm

ihres Praeteritums durch Ablaut oder Reduplikation (Partizipium Praeteriti auf -n), die

schwachen Verben durch ein dentales Element -t (Partizipium Praeteriti auf -ta-, -tæ-).

Die Praeteritopraesentia fügen zu einem alten starken Praeteritumstamm ein neues

schwaches Praeteritum.

I. Starke Verben

Die starken Verben lassen sich einteilen in die ablautenden Verben und die (ehemals)

reduplizierenden Verben. Die ablautenden Verben zerfallen in sechs Klassen). Die

ehemals reduplizierenden Verben haben im Althochdeutschen die ursprüngliche

Reduplikation durch einen Wechsel des Stammvokals (jüngeren Ablaut) ersetzt.

Infinitiv ziohan (II) neman (II) faran (VI) ratan (red.)

(ziehen) (nehmen) (fahren) (raten)

Praesens Aktiv Indikativ

S.1.P. ziuhu nimu faru rõtu

S.2.P. ziuhis, -ist nimis, -ist feris, -ist rõtis, -ist

S.3.P. ziuhit nimit ferit rõtit

P.1.P. ziohemÐs, -Ðn nememÐs, -Ðn farÐmes, -Ðn rõtÐmes, -Ðn

P.2.P. ziohet nemet faret rõtet

P.3.P. ziohent nement farent rõtent

Praesens Aktiv Optativ (Konjunktiv)

S.1.P. ziohe neme fare rõte

XCVI Vorwort

S.2.P. ziohÐs, -Ðst nemÐs, -Ðst farÐs, -Ðst rõtÐs, -Ðst

S.3.P. ziohe neme fare rõte

P.1.P. ziohemÐs, -Ðn nememÐs, -Ðn faremÐs, -Ðn rõtemÐs, -Ðn

P.2.P. ziohÐt nemÐt farÐt rõtÐt

P.3.P. ziohÐn nemÐn farÐn rõtÐn

Imperativ

S.2.P. ziuh nim far rõt

P.1.P. ziohemÐs, -Ðn nememÐs, -Ðn faremÐs, -Ðn rõtemÐs, -Ðn

P.2.P. ziohet nemet faret rõtet

Partizipium Praesentis

ziohanti nemanti faranti rõtanti

Praeteritum Aktiv Indikativ

S.1.P. zæh nam fuar riet

S.2.P. zugi nõmi fuari rieti

S.3.P. zæh nam fuar riet

P.1.P. zugumÐs, -un nõmumÐs, -un fuarumÐs, -un rietumÐs, -un

P.2.P. zugut nõmut fuarut rietut

P.3.P. zugun nõmun fuarun rietun

Praeteritum Aktiv Optativ (Konjunktiv)

S.1.P. zugi nõmi fuari rieti

S.2.P. zugis, -Æst nõmÆs, -Æst fuarÆs, -Æst rietÆs, -Æst

S.3.P. zugi nõmi fuari rieti

P.1.P. zugÆmÐs, -Æn nõmÆmÐs, -Æn fuarÆmÐs, -Æn rietÆmÐs, -Æn

P.2.P. zugÆt nõmÆt fuarÆt rietÆt

P.3.P. zugÆn nõmÆn fuarÆn rietÆn

Partizipium Praeteriti

gizogan ginoman gifaran girõtan

Den Verben mit untrennbaren Präfixen fehlt das gi- (z.B. fir-noman).

II. Schwache Verben

Die schwachen, weitgehend abgeleiteten Verben zerfallen nach der Art der

Stammbildung bzw. der Ableitungssuffixe in drei Klassen.

1. -j-Verben: nerien retten (kurze Stammsilbe), suohhen suchen (lange Stammsilbe).

Dabei schwindet das j im Althochdeutschen meist.

2. -æ- Verben: salbæn salben

3. -Ð- Verben: habÐn haben

Infinitiv

nerien suohhen salbæn habÐn

Praesens Aktiv Indikativ

S.1.P. neriu, nerru suohhu salbæm, -æn habÐm, -Ðn

XCVII Vorwort

S.2.P. neris, -ist suohhis, -ist salbæs, -æst habÐs, -Ðst

S.3.P. nerit suohhit salbæt habÐt

P.1.P. neriemÐs, -Ðn suohhemÐs, -Ðn salbæmÐs, -æn habÐmÐs, -Ðn

P.2.P. neriet suohhet salbæt habÐt

P.3.P. nerient suohhent salbænt habÐnt

Praesens Aktiv Optativ (Konjunktiv)

S.1.P. nerie suohhe salbo habe

S.2.P. neriÐs, -Ðst suohhÐs, -Ðst salbæs, -æst habÐs, -Ðst

S.3.P. nerie suohhe salbo habe

P.1.P. neriemÐs, -Ðn suohhemÐs, -Ðn salbæmÐs, -æn habÐmÐs, Ðn

P.2.P. neriÐt suohhÐt salbæt habÐt

P.3.P. neriÐn suohhÐn salbæn habÐn

Imperativ

S.2.P. neri suohhi salbo habe

P.1.P. neriemÐs, -Ðn suohhemÐs, -Ðn salbæmÐs, -æn habÐmÐs, -Ðn

P.2.P. neriet suohhet salbæt habÐt

Partizip Praesens

nerienti suohhenti salbænti habÐnti

Praeteritum Aktiv Indikativ

S.1.P. nerita suohta salbæta habÐta

S.2.P. neritæs, -æst suohtæs, -æst salbætæs, -æst habÐtæs, -æst

S.3.P. nerita suohta salbæta habÐta

P.1.P. neritumÐs, -un suohtumÐs, -un salbætumÐs, -un habÐtumÐs, -un

P.2.P. neritut suohtut salbætut habÐtut

P.3.P. neritun suohtun salbætun habÐtun

Praeteritum Aktiv Optativ (Konjunktiv)

S.1.P. neriti suohti salbæti habÐti

S.2.P. neritÆs, -Æst suohtÆs, -Æst salbætÆs, -Æst habÐtÆs, -Æst

S.3.P. neriti suohti salbæti habÐti

P.1.P. neritÆmÐs, -Æm suohtÆmÐs, Æm salbætÆmÐs, -Æm habÐtÆmÐs, -Æm

P.2.P. neritÆt suohtÆt salbætÆt habÐtÆt

P.3.P. neritÆn suohtÆn salbætÆn habÐtÆn

Partizip Praeteriti

ginerit gisuohhit gisalbæt gihabÐt

Den Verben mit untrennbaren Präfixen fehlt das gi- (z.B. bislihtit).

III. Praeteritopraesentia

Die Praeteritopraesentia sind Praeteritum-(Perfekt-)Stämme, welche nach dem Verlust

der ursprünglichen resultativen Zustandsbedeutung präsentiale Bedeutung angenommen

haben (z.B. ich habe gesehen = ich weiß; ich bin in Schulden geraten = ich soll). Bei

XCVIII Vorwort

ihnen tritt das Praeteritum an die Stelle des Praesens, so daß sie grundsätzlich wie

gewöhnliche althochdeutsche starke Praeterita flektieren. Als Praeteritum wird nach Art

der schwachen Verben eine neue Form geschaffen. Im Althochdeutschen gibt es elf

solcher Verben, welche zu den sechs Ablautreihen wie folgt gehören

(1) wizzan wissen (germ. *witan)

(aigan haben) (germ. *aigan)

(2) tugan taugen (germ. *dugan)

(3) unnan gönnen (germ. *unnan)

mit Komposita)

kunnan wissen (germ. *kunnan)

durfan bedürfen (germ. *þurfan)

mit Komposita)

gi-turran wagen (germ. *ga-dursan)

(4) skulan sollen (germ. *skulan)

(gi-nah- es genügt) (germ. *ga-nugan)

(5) mugan können (germ. *mugan)

(6) muozzan können (germ. *ga-motan)

Praesens Aktiv Indikativ

S.1.P. weiz . kan skal mag muoz

S.2.P. weist . kanst skalt maht muost

S.3.P. weiz tuog . (ginah) . .

P.1.P. wizzumÐs . kunnun skulun mugun muozun

P.2.P. . . . . . .

P.3.P. . tugu . . . .

Praesens Aktiv Optativ

wizzi (kunni) skuli mugi muozi

Praeteritum Aktiv Indikativ

wista tohta konda skolta mahta muosa

Partizipium Praeteriti

giwizzan

IV. Unthematische Verben (athematische Wurzelverben)

1. sein

Die Formen werden gebildet von den (idg.) Stämmen es-, bheu- und wes-.

Praesens Aktiv Indikativ

S.1.P. bim (germ. *im)

S.2.P. bist (germ. *is)

S.3.P. ist (germ. *ist)

XCIX Vorwort

P.1.P. birum (germ. *ezum)

P.2.P. birut (germ. *ezuþ)

P.3.P. sint (germ. *sind)

Praesens Aktiv Optativ (Konjunktiv)

S.1.P. sÆ

S.2.P. sÆs, sÆst

S.3.P. sÆ

P.1.P. sÆm, sÆn

P.2.P. sÆt

P.3.P. sÆn

Infinitiv

Der Infinitiv lautet zunächst wesan, später auch neugebildet sÆn (Isidor, Tatian, Otfrid,

Notker).

Imperativ wis

S.2.P. weset

P.2.P.

Das Partizipium Praeteriti kommt althochdeutsch nicht vor.

2. tun

Praesens Aktiv Indikativ

S.1.P. tuon (germ. *dæm)

S.2.P. tuos, tuost (germ. *dæs)

S.3.P. tuot (germ. *dæd)

P.1.P. tuomÐs, tuon (germ. *dæmes)

P.2.P. tuot (germ. *dæd)

P.3.P. tuont (germ. *dænd)

Praesens Aktiv Optativ (Konjunktiv)

S.1.P. tuo

S.2.P. tues

S.3.P. tuo

P.1.P.

P.2.P. tuot

P.3.P. tuon

Imperativ

S.2.P. tuo

P.1.P. tuomÐs

P.2.P. tuot

Praeteritum Aktiv Indikativ

S.1.P. teta (germ. *dido)

S.2.P. tõti (germ. *dedes)

C Vorwort

S.3.P. teta (germ. *dedo)

P.1.P. tõtum, -un (germ. *dedum)

P.2.P. tõtut (germ. *deduþ)

P.3.P. tõtum (germ. *dedun)

Partizipium Praeteriti

gitõn

3. gehen, stehen

Neben den beiden starken Verben gangan gehen und stantan stehen finden sich die

kurzen Formen gõn (gÐn) und stõn (stÐn).

Praesens Aktiv Indikativ

S.1.P. gõn

S.2.P. gõs, gõst

S.3.P. gõt

P.1.P. gõmÐs

P.2.P. gõt

P.3.P. gõnt

Praesens Aktiv Optativ (Konjunktiv)

S.1.P. gÐ

S.2.P. gÐs, gÐst

S.3.P. gÐ

P.1.P. gÐn

P.2.P. gÐt

P.3.P. gÐn

Imperativ

S.2.P. (gang)

P.1.P. gõmÐs

P.2.P. gõt

4. wollen

Das Verb wellen (wollen) war ursprünglich ein indikativisch gebrauchter Optativ, zu

dem ein neuer Optativ gebildet wird.

Praesens Aktiv Indikativ

S.1.P. willu

S.2.P. wili

S.3.P. wili

P.1.P. wellemÐs, -Ðn

P.2.P. wellet

P.3.P. wellent

Praesens Aktiv Optativ (Konjunktiv)

S.1.P. welle

CI Vorwort

S.2.P. wellÐs, -Ðst

S.3.P. welle

Praeteritum Aktiv Indikativ

wolta

Praeteritum Aktiv Optativ (Konjunktiv)

wolti

N. Wortbildung

Wörter können spontan neu geschaffen oder aus bereits vorhandenem Wortgut durch

Zusammensetzung (Komposition) oder Ableitung gebildet werden.

I. Zusammensetzung

Bei der Komposition kennt das Althochdeutsche sowohl die echte, im Vorderglied

einen reinen Nominalstamm verwendende Komposition (z.B. ahd. brðti-gomo,

Grundzahlen, Personennamen) als auch die unechte, durch flektierte Form eines

Bestandteils gekennzeichnete Komposition (z.B. ahd. sunnun-lioht, tages-zÆt) und sowohl

die nominale (z.B. ahd. brðti-gomo, sunnun-lioht) als auch die verbale und durch Präfix

erfolgende (unechte) Komposition (ahd. aba-neman, gi-neman, zuo-neman).

II. Ableitung

Die Ableitung geschieht durch Anhängung formantischer Elemente, die vielfach keine

eigenständige Bedeutung mehr erkennen lassen (Suffixe). Die meisten dieser Suffixe

sind aus dem Indogermanischen ererbt, so daß auch für das Althochdeutsche

grundsätzlich alle (indo-)germanischen Vokale und Konsonanten als Suffixe in Betracht

kommen. Suffixlos sind demgegenüber die Wurzelnomina. Innerhalb der Ableitung sind

nominale und verbale Stammbildung zu unterscheiden.

1. Nominale Stammbildung

a) Wurzelnomina

Von den im Indogermanischen direkt aus der Wurzel gebildeten Nomina

(Wurzelnomina) hat das Althochdeutsche einige bewahrt (z.B. ahd. fuoz Fuß, man

Mann, burg Burg, turi Türe, kuo Kuh, mðs Maus, sð Sau, nasa Nase).

b) Vokalsuffixe

-a- : Nomina actionis aus Verbalwurzeln, Adjektive, Erweiterung

von Wurzelnomina

ahd. snÐo Schnee, strÆt Streit, werk Werk, liob lieb, jõr Jahr

-æ- (=a) : Nomina actionis

ahd. geba Gabe, ginõda Gnade

-i- (=i) : Nomina actionis

ahd. kuri Wahl, biz Biß

-u- (=u) : Substantive, selten

ahd. fihu Vieh

CII Vorwort

-ja- (=i), -jæ- (=i) : Verbalabstrakta, Adjektive

ahd. kunni Geschlecht, irri irre

-Æ-, -jæ- : Feminina, selten

ahd. diu Magd

-wa-, -wæ- (=o) : Adjektive

ahd. garo bereit, gelo gelb

c) Liquidasuffixe

-r- : Verwandtschaftsnamen, selten

ahd. zeihhur Bruder des Gatten

-ra-, -ræ- (=r) : Adjektive, Substantive

ahd. bittar bitter

-ru- (=r): : Substantive, selten

ahd. hungar Hunger

-ri- (=ri) : Adjektive, selten

ahd. tiuri teuer

(idg.) -ero (=aro) : Adjektive

ahd. untaro untere

-arja (=õri) : Nomina agentis, (Lehnwörter)

ahd. toufõri Täufer, munizzõri Münzer

-la- (=l), -læ- (=l), -ila-, -ala-, -ula- : Adjektive, Substantive

ahd. fðl faul, wÆla Weile, mihhil groß, angul Angel, butil

Büttel, skalkilo Knechtlein

-li- (=l) : selten

ahd. teil Teil, sðl Säule

-sla-, -slæ- (=sla), -isla-, isli-, -islo-: Abstrakt- und Konkretbezeichnungen

ahd. ahsala Achsel, knuosal Geschlecht

d) Nasalsuffixe

-an- (=o), -æn- (=a): Personenbezeichnungen, Nomina agentis, Feminina,

Abstrakt- und Konkretbezeichnungen

ahd. gomo Mann, boto Bote, hÆwa Gattin, skado Schaden,

ouga Auge

-jan- (=io), -jæn- (=ia) : Personenbezeichnungen, Nomina agentis,

Konkretbezeichnungen

ahd. murdreo Mörder, frouwa Frau, zeinna Korb

-in- (=i) : feminine Eigenschaftsabstrakta

ahd. guotÆ Güte, reinÆ Reinheit

-na- (=n), -næ-, -ana- (=an), -ina- (=in): Adjektive, Substantive,

Partizipia Praeteriti, Infinitive der starken Verben

CIII Vorwort

ahd. eban eben, zorn Zorn, bein Knochen, feihhan Arglist,

beran tragen, ginoman genommen

-Æna- (=Æn) : Adjektive, Substantive

ahd. guldÆn golden, fulÆn Füllen

-sna- (=sno), -snæ (=sna), -asna-, -isna- : Konkretbezeichnungen

ahd. segansa (?) Sense

-erna-, -arna-, -urna-: selten

ahd. diorna Jungfrau

-ni- (=n-, ni-), -ani-, -Æni- (=Æ) : Adjektive, Substantive

ahd. reini rein, toufÆ Taufe, lugÆ Lüge

-nu- : selten

ahd. trukkan trocken, trahan Träne

-njæ- (=in), -injæ-, -unjæ- (=un) : Feminina, Abstraktbezeichnungen

ahd. henin Henne, festin Feste, mistun Misthaufe

-ænja- (=æni) : Adjektive der Himmelsrichtung

ahd. æstræni östlich

-ma- (=m), -mæ- : Adjektive, Substantive, kaum noch produktiv

ahd. warm warm, arm Arm

-mi- (=m) : selten

ahd. wurm Wurm

-man- (=mo) : Nomina actionis, Konkretbezeichnungen, nicht mehr produktiv

ahd. skÆmo Schein, dðmo Daumen

-sman- (=smo) : Nomina actionis, Konkretbezeichnungen

ahd. besamo Besen, deismo Sauerteig

e) s-Suffixe

(-iz-), (-az-), (-uz-): Substantive, kaum noch produktiv

ahd. haz Haß, rind Rind

-isjæ- (= sia, -is), -usjæ(n)-: Abstrakt- und Konkretbezeichnungen

ahd. akkus Axt

-sa- (=s), -sæ-, -isa- (=is), -asa-, -san- (=so), -sæn: Abstrakt- und

Konkretbezeichnungen, Tierbezeichnungen

ahd. sahs Messer, lahs Lachs, ros Roß, felisa Fels, egiso

Schrecken

-is-, -is-ta-, -æs-ta- : Komparativ- bzw. Superlativsuffix

f) Dentalsuffixe

-þ- (=z,d), -aþ-, -iþ-, -uþ-: selten

ahd. gluot Glut, helid Held

-þa- (=d), -þæ-, -iþa-, -iþæ- (=ida): Adjektive (Partizipien), Abstrakt

bezeichnungen

CIV Vorwort

ahd. tæd tot, mord Mord, eid Eid, irlæsida Erlösung

-þan- (=do), -aþan- (=ado), -iþan- (=ido): Abstraktbezeichnungen

ahd. huosto Husten, irrido Irrtum

-þja- (=di), -Æþja- (=idi): Adjektive, Kollektivbegriffe

ahd. muodi müde, juhhidi Joch

-þi- (=t) : Verbalabstrakte, Nomina actionis, Nomina agentis

ahd. list List, maht Macht, bluot Blüte, næt Not, gast Gast

-þu- (=t), -oþu- : Verbalabstrakta, Nomina agentis

ahd. fridu Frieden, tæd Tod, durst Durst, wirt Wirt, smid

Schmied

-assu-, -issu-, -ussu-, -nassi-, -nessi-, -nissi-, -nussi-: Abstraktbezeichnungen

ahd. gilÆhnissi Gleichnis, finstarnissi Finsternis

-st- (=st): : Abstraktbezeichnungen

ahd. træst Trost, rost Rost, anst Gunst, angust Angst

-nd- (=nt), -und- (=unt): Verbaladjektive (Partizip Präsens)

ahd. fÆjant Feind, friunt Freund

-t- (=z), -ta- : Tierbezeichnungen, Konkretbezeichnungen

ahd. hirz Hirsch, binuz Binse

(idg. -dh-) (=t) : Substantive

ahd. hort Hort, situ Sitte

(idg. -ter-) (=ter) : Verwandtschaftsbezeichnungen

ahd. fater Vater, bruoder Bruder, tohter Tochter

(idg. -tero-, -toro-, -tro-) (=dar): Raumbezeichnungen

ahd. andar andere, widar gegen

(idg. -tel) (=dil) : selten

ahd. friudil Geliebter

-þra-, -þræ-, -dra-, -dræ- (=dar, tar): Nomina actionis, Instrumental

bezeichnungen

ahd. lahtar Gelächter, kwerdar Köder, blattara Blatter

-stra- (=star) : Substantive

ahd. lastar Tadel

-aldra- (=altra), -uldra-, -aldræ-, -uldræ-: Baumbezeichnungen

ahd. mazzaltra Maßholder, hiufeltra Dornstrauch

-þla- (=dal), -þlæ-, -dla-: Instrumentalbezeichnungen, Abstraktbezeichnungen

ahd. stadal Stadel

g) Gutturalsuffixe

-ha-, -ga-, -aha-, -aga- (=ag), -Æga- (=Æg) : Adjektive

ahd. heilag heilig, mahtÆg mächtig

-ahta- (=aht), -uhta-, -ihta-: Adjektive

CV Vorwort

ahd. houbitaht mit Haupt versehen

-ahja (=ahi) : Kollektivbezeichnungen

ahd. eihhahi Eichengehölz

-ska- (=sk-), -skæ- : Adjektive, selten

ahd. hursk schnell

-iska- (=isk) : Adjektive der Herkunft

ahd. diotisk völkisch, himilisk himmlisch

-inga- (=ing), -unga-: Personen- und Sachbezeichnungen

ahd. kuning König, skilling Schilling

-linga- (=ling) : Personen- und Sachbezeichnungen

ahd. gatiling Verwandter

-ingæ-, -ungæ- (=unga) : Abstraktbezeichnungen

ahd. zehanunga Zehnzahl, manunga Mahnung

-k-, -ka-, -kæ-, -aka-, -ika- (=ih), -uka- (=uh) : Tierbezeichnungen,

Konkretbezeichnungen, Adjektive

ahd. habuh Habicht, armih ärmlich

-ikÆna- (=hhÆn) : Deminutivsuffixe, selten

ahd. lærihhÆn Kaninchen

-inklÆna- (=iklÆn) : Deminutivsuffix

ahd. huoniklÆn Hühnlein

h) Kompositionssuffixe

-dæma- (=tuom) : germ. *dæmaz Urteil, Stand, Würde, Ruhm

ahd. heilagtuom Heiligtum, rÆhtuom Reichtum

-haidu (=heit) : germ. *haiduz Erscheinung, Art

ahd. kindheit Kindheit, slafheit Schlaffheit

-skapi-, -skafti- (=skaf, skaft): germ. *skapiz, *skaftiz Beschaffenheit

ahd. fÆjantskaf Feindschaft, lantskaft Landschaft

-laika (=leih) : germ. *laika- Tanz, Spiel

ahd. hÆleih Hochzeit

-stabi- (=stab) : germ. *stabi Stab

ahd. eidstab Eidspruch, ruogstab Rügspruch

-daga- (=tag) : germ. *daga- Tag

ahd. siohhitag Siechtum, nakkottag Nacktheit

-warja- (=weri?) : germ. *warja Wehrer

ahd. burgari(?) Burgbewohner

-apa- (=afa) : germ. *apa-? Wasser

ahd. Flußnamen

-lÆka- (=lÆh) : germ. *lÆka- Leib, Körper

ahd. diolÆh demütig, ebanlÆh gleich

CVI Vorwort

-sama- (=sam) : germ. *sama derselbe

ahd. langsam langsam, sworgsam sorgsam

-kunda- (=kund) : germ. *kunda- stammend

ahd. gotkund göttlich

-hafta- (=haft) : germ. *hafta behaftet, gefesselt

ahd. Ðwahaft rechtlich, wõrhaft wahr

-fasta- (fast) : germ. *fasta fest

ahd. ungimezfast unmäßig

2. Verbale Stammbildung

Die verbale Stammbildung erfolgt - abgesehen von den wenigen Wurzelverben -

ebenfalls mit Hilfe von Suffixen. Dabei können für neue Verben sowohl

Nominalstämme als auch Verbalstämme die Ableitungsgrundlage abgeben. Besonders

produktiv ist dabei der Bereich der schwachen Verben.

a. Wurzelverben

sein, tun, gehen, stehen

ahd. (sÆn), tuon, gõn, stõn

b. Verben mit Präsensreduplikation: selten

ahd. bibÐn beben

c. Verben mit thematischem Vokal (germ. -i-, -a-): die meisten Präsentien

der starken Verben

ahd. stÆgan steigen, biotan bieten, werdan werden, beran tragen,

geban geben

d. Verben mit stammbildendem -æ-: zweite Klasse der schwachen Verben

ahd. salbæn salben, irræn irren

e. Verben mit -j-Suffix: starke Verben mit präsensbildendem Suffix -ja-

(fünfte und sechste Ablautreihe), schwache Verben der ersten und

dritten Klasse

ahd. sizzen sitzen, bitten bitten, nerien retten, trenken tränken,

habÐn haben, lebÐn leben

f. Verben mit Nasalformans

ahd. stantan stehen (,fõhan fangen), klenan schmieren, ginÐn

gähnen

g. Verben mit s-Suffix: nicht sehr häufig

ahd. forskæn forschen, wunsken wünschen

h. Verben mit sk-Suffix

ahd. brestan bersten

i.Verben mit t-Erweiterung

ahd. skeltan schelten, ladan laden

k.Verben mit -st-Suffix

CVII Vorwort

ahd. wahsan wachsen

l. Verben mit t (=idg. -dh)-Erweiterung

ahd. waltan walten, rõtan raten

m. Verben mit z (=idg. -d)-Erweiterung

ahd. smelzan schmelzen, skiozan schießen

n. Verben mit -atja-, -itja-Suffix (=-azzen, -ezzen): intensiv-iterative Bedeutung

ahd. fallezzen zusammenfallen, heilazzen heilen

o. Verben mit k-Suffix: Iterative

ahd. walkan walken

p. Verben mit l-Suffix: Iterative, Deminutive

ahd. hantalæn behandeln

q. Verben mit r-Suffix: Iterative

ahd. zwizziræn zwitschern

r. Verben mit (i)næn-Suffix

ahd. festinæn festigen, dionæn dienen

O. Fremdsprachliche Einflüsse auf den Wortschatz

Mit den verschiedenen Möglichkeiten fremdsprachlichen Einflusses auf den Wortschatz

hat sich vor allem Werner Betz am Beispiel des Althochdeutschen befaßt. Er ist dabei

zu folgender Systematik gelangt:

Fremdsprachlicher Einfluß

fremdsprachliches Wortmaterial eigensprachliches Wortmaterial

([Fremd- und] Lehnwort) (Lehnprägung)

Fremdwort Lehnwort (i.e.S.) neue Form neuer

(blue jeans) (Bischof) Lehn- Inhalt

bil- Lehndung

bedeutung

(lat.

deus-

Gott)

Lehn- Lehnfor-

schöCVIII

Vorwort

mung pfung

(frz.

Cognac-

Wein

brand)

Lehn- Lehnüber-

übersetzung

tragung

(lat. con- (lat. paenscientia-

insula-

Gewissen) Halbinsel)

Dabei sind Fremd- und Lehnwörter Übernahmen der Formen (Lautgestalten) fremder

Sprachen. Fremdwort ist das aus einer fremden Sprache unter Bewahrung seiner

Lautgestalt übernommene Wort (nhd. blue jeans), Lehnwort das aus einer fremden

Sprache unter Abänderung der Lautgestalt (gemäß den Regeln der aufnehmenden

Sprache) übernommene Wort (nhd. Bischof), wobei die Grenze zwischen Bewahrung

und Abänderung der Lautgestalt nicht in jedem Fall eindeutig gezogen werden kann.

Lehnprägungen sind Wiedergaben fremdsprachlicher Inhalte mit eigensprachlichen

Mitteln, wobei zwischen Lehnbildung und Lehnbedeutung zu unterscheiden ist.

Lehnbildung ist die Nachbildung des fremden Wortes mit eigensprachlichem Material,

welche als Lehnübersetzung, Lehnübertragung oder Lehnschöpfung erfolgen kann.

Dabei bildet die Lehnübersetzung das - mehrgliedrige - fremde Wort Glied für Glied

nach (lat. conscientia Gewissen). Die Lehnübertragung folgt teilweise dem -

mehrgliedrigen - Vorbild und teilweise nicht (lat. paeninsula Halbinsel). Die

Lehnschöpfung verdankt dem Vorbild nur den gedanklichen Anstoß (frz. cognac

Weinbrand). Die Lehnbedeutung ist die Erweiterung bzw. Veränderung der Bedeutung

eines ererbten und lautgestaltlich unveränderten eigensprachlichen Wortes unter dem

Einfluß eines fremdsprachlichen Wortes (Gott, Geist, Seele), so daß sich bei Bildung

einer Lehnbedeutung nur der Inhalt (Bedeutung) des eigensprachlichen Wortes ändert,

nicht dagegen die äußere Form (Lautgestalt).

Innerhalb dieser verschiedenen Möglichkeiten des fremdsprachlichen Einflusses sind

Fremd- und Lehnwort relativ einfach zu erkennen, Lehnprägungen dagegen oft nur

mühsam und unsicher zu ermitteln. Im einzelnen können hierbei folgende Merkmale

auf fremdsprachlichen Einfluß deuten: Bauentsprechung zwischen fremd- und

eigensprachlichem Wort, späte Produktivitätszeit eines Wortbildungselementes,

CIX Vorwort

fremdsprachliche Regelmäßigkeit einer Wortbildung, Komplexität einer Wortbildung,

geringe Belegzahl (insbesondere

hapax legomenon), spätes Auftreten, Fehlen in anderen germanistischen Sprachen oder

anderen eigensprachlichen Sprachstufen, miteinander konkurrierende Interpretamente

für ein einziges Lemma, Textcharakter (z.B. Interlinearversion, Glosse) oder kulturelle

Beeinflussung. Je mehr dieser Merkmale in einem Fall gegeben sind, desto sicherer

kann der fremdsprachliche Einfluß vermutet werden. Wegen der dabei zwangsläufig

verbleibenden Unsicherheit sind die im Wörterbuch gegebenen Vorschläge vielfach mit

Fragezeichen versehen, über deren Berechtigung nur die sorgfältige Einzelforschung entscheiden kann.